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gerade so viel verschenkte, als der Graf zu Wied-Runkel als seinen Anteil für NiederisenburgGränzau zum Kammerzieler7 gibtund über den famösen Geldhaufen von drittehalb Talern, der in lauter Albus vor ihnen lagich sage, sämtliche Dörfer kamen teils vor Erstaunen darüber und teils vom Getränk halb von Sinnen.

Abends frass ich in Wien.

Ich mag heute nichts mehr schreiben.

Vierte Fahrt

Der Wiener Schubdas Schul-PferdHerr v.

Fahlanddie sentimentalischen Spitzbubendas

schlimme Rotonden-Loch

Der Siechkobel stiess noch vor tages vom land ab, weil ich erst in Wien gewesen. Ein fataler satirischer Südwind trieb mich aber so, dass ich oben gerade mit dem "Wiener Schub"8, dem Vagabonden-Florilegium, parallel fahren musste. Österreich frankiert dieses Provinzialkonzilium an Baierndieser Kreis akzeptiert die ostindische oder europäische Kompagnie von Selbstpanisten als Transitogut und verführt es nach SchwabenSchwaben behält die Mission, die wie ein Steppenfeuer den Kreis ordentlich unter sich verteilt und besetzt, so dass nachher die Kolonisten und Emissarien einzeln zusammengesucht und aufgehangen werden. Schwaben kann man, insofern diese Metastase der Krankheitsmaterie des Reichskörpers dahin geschieht, nach der Analogie der Ordenslandkarten, die ein Benediktiner-, ein Jesuitendeutschland etc. haben, als ein Vagabundendeutschland mappieren.

Da der Wind mehr gerade ging als der Schub: so konnte' ich bald divergieren und bei einem Postmeister einkehren, dessen Sohn zu nichts taugt als zu seinem Sukzessor. Er liess mich sein englisches Pferd im Stall besehen und betasten, das sich auf Hutabziehen, Totanstellen, Küssen, Verbeugen versteht. Ich setzt' ihn zu Rede, warum er nicht dem guten Vieh die Erziehung seines Sohnes anvertraue, damit dieser den Fuchs als seinen Ober-Hof- und Konduitenmeister und Schulfuchs ritte. Der Mann ist selber nicht weit her; sonst könnt' er das Kunst- und Musenpferd, das sich so allmählich tot anstellen kann, auch in die Tragödienproben des Pestitzer Teaters reiten, damit die Akteurs vom Fuchse sterben lernten, um zu leben.

Der ganze Tag verdiente überhaupt gar nicht, dass man ihn durchlebte; und am Abend ärgerte mich noch dazu der Abend. Kurz vor Sonnenuntergang sah ich die Stadt Mülanz9 kaum noch 6 Meilen entfernt; "ich kann im Neste pernoktieren", sagt' ich, "da ich mit so gutem Rückenwinde darauf lossegle." In der Nähe des Parks, über welchen weg ich in die Stadt fahren musste, ging im Mondenschimmer Herr v. Fahland (schon ein fataler Name!) mit einem ganz schwarz eingekleideten weiblichen Herzen. Ich kenneund segelte ich über der höchsten WolkeFahlanden am Gange der arme gleich; er ist in Mülanz Zensor des ästetischen Fachs. Gott geb' ihm noch heute eine höllische Nacht! O ihr schwachen Weiber, welche von euch, wenn man die gute alte, immer treu und jungfräulich bleibende Abbeville10 aus Billigkeit ausnimmt, hält das grösste Feuer aus, das man auf sie gibt, nämlich das poetische? Pulsiert nicht hinter eurer falschen Brust aus Wachswie jetzt symbolisch Mode wirdein ähnliches Herz aus Wachs, das sich nur fest und unverändert erhält in der Kälte, das aber vor der männlichen und poetischen Flamme herunterrinnt, die mit der Spitze gegen Himmel zeigt, obwohl mit Grundfläche und Nahrung auf der Erde aufsitzend? –

Die sinnlichen, ehrlichen Roués in Frankreich hatten sonst 365 Weiber in einem Jahre, aber doch nacheinander; aber die poetischen Rouants (diese Seelen-Radebrecher) haben ebenso viele auf einmal zu derselben Zeit und heissen das Simultanliebe, über welche J.P. in seinem Hesperus unverantwortlich leicht weggeht. Ich, Giannozzo, vierreuterscher Frosch- und Frankenritter, muss zwar in manchen Punkten so gut auf meine Brust schlagen als in unzähligen auf fremde rücken, und es wird niemand, dem ich oft in Paris oder Wien begegnet bin, auf meinem Grabstein hypotekarische Versicherungen einhauen lassen, dass ich ein Tugendspiegel gewesen; aber wahrlich ich beging allzeit meine Todsünde und damit schabab; nie hingegen, nie blies ich ein armes dummes Herz mit Äter auf und liess den Globen an meinem Faden bald hoch, bald niedrig fliegen und tat zuletzt einen derben Schnitt hinein, dass es mir als ein welkes Häutchen vor die Füsse niederfiel nach langem Ziehen, Schwellen, Weinen, Irren und Zagen, und seiner und meiner satt. – –

"Aber du, Fahland, Fahland, hast du nicht acht Bräute in vier Städten und heiratest die neunte in der fünften? Und was hast du so spät im Park mit der schwarzen Schleier-Eule vor?" so sagt' ich oben und sah zu (mit dem Kriegsperspektiv), was er machen wolle.

Auch wusst' ichs voraus. Er steckte ein Buch in die tasche, ganz entschieden einen Roman und wohl gar von dem aus Feucht-Wangen11 gebürtigen Jean Paul; pagina jungit amicos, d.h. eine oder ein paar Seiten aus einem Zähren-Buch kopulieren Seelen und ihre Leiber, oder Kuppelpelze. Asserit A, negat E, verum universaliter ambae; d.h. er bejaht Liebe, sie verneinet sie, aber beide nur so ins Blaue hin, aus dem ich eben herniedersah. Beide gingen wie mein Rückenwind, wie es schien, einer Rotonda zu, in welche nirgends einzuschauen ist als durch ein grosses Loch von oben. Fahlands Zeigefinger war eine Hand in margine für das Buch der natur; sein Herz hatte wie ein Hühnerauge Gefühl für das schöne