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ganzen Fürstentum Vierreuter steht nämlich kein Orden in grösserem Ansehen als der französische oder neufränkische, den der Fürst selber gestiftet, damit er zum Grossmeister erhoben würde von sich. Nach der Analogie von Deutschmeistern und deutschen Herren nennt er sich Frankenmeister und die Ritter Frankenherren. Sie tragen (denn er musste mich in Marseille auch zu einem machen) im Knopfloch an grünem Bande eine goldne Krötewenn es nicht bloss ein Frosch sein soll (da sie so gross ist wie der am Fiedelbogen) –; vermutlich soll die Kröte auf die französische Lilie (der Sage nach der Nachflor der Kröte) hinführen.

Es ist gar nicht zu sagenwenn man nicht im Kammerkollegium sitzt –, um wie viele Zolle der vierreutersche Ordensgeneral durch die Erfindung seines Frosch- oder Krötenordens dem land die Geldgurt weiter und voller gemacht, – – bloss weil er aus beiden kein Goldstäubchen hinausfliegen liess in fremde Länder für fremde Titel. Erstlich der Fürst selber, der, denke' ich, den besten und daher teuersten Titel verlangen darf, legtanstatt sich einen, z.B. das überteuerte blaue Hosenband aus England zu verschreiben, eine wahre staates-Aderlassbindeein inländisches Fabrikat um den Leib, das ihm keinen heller kostet, sondern nur ein Wort, und er steht so gratis als Gross- oder Frankenmeister des Krötenordens fertig vor Europa da. Oder verlangt man, dass ein Herr, der das ganze Jahr Titel und Bänder an alle Welt, oft an die grössten Tropfen und Ausländer ausgeworfen, sich selber zu nichts kreieren und durch kein Selbstband zeigen soll, wie er sich ehre? –

Zweitens: da die Menschen auf dem schlaffen Seile der seidnen Bänder am liebsten tanzen: so können in Ländern, die mit Metallsaiten bezogen werden sollen, gar nicht Basler Ordensbandfabriken genug errichtet werden, damit man die Menschen und ihr Geld bei der Ehre fasse! Der Frosch setzte mich und meine Injurien in Sicherheit und achtung und darauf in den Gastof, wo ich sogleich nach dem Balbier und nach dem Hofmarschall schickte, um durch beide den Zutritt zur Cour zu erwerben. Ich und der Fürst waren uns einander ehemals in Marseille in den Kulissen des Téatre des Variétés aufgestossen und sehr bekannt geworden. Die Wahrheit zu sagen, wollt' ich dem hof Verdruss machen und mich nachher wieder in die Luft. Ich wurde angenommen; aber da ich im Verzugs- und Anstandssaale auftrat unter den Frankenherren ohne Courflagge und Courruder, ohne Haarbeutel und Degen: so musst' ich mich ein wenig auf dem rücken und von der Seite ansehen lassen. Endlich erschien unser Frankenmeister mit seiner Meisterin. Ich wurde ihm präsentiert wie ein lebender Wechsel auf die Vergangenheit, aber nicht ausserordentlich honoriert und akzeptiert; – die arme, womit er sonst jugendlich an sich drückte, warender eine durch das feste Halten des gewichtigen Zepters, der andere als Tragebalken und Atlas des Tronhimmelsganz steif geworden und die weichen hände sehr kallös. Er konnte die Ellenbogen so wenig um mich zusammenschlagen als ein Wegweiser seine hölzernen. Ich führte ihn leise auf einige Juvenalia zurück, besonders auf ein Inkognitohaus in Marseille, das eigentlich das wahre Téatre des Variétés war, wo ich ihn mehrere Sonntage vormittags damit ausser Fassung brachte, dass ich ihn daran erinnerte, wie gerade jetzt (in diesen etwas apokryphischen Horen) auf allen Kanzeln seines Landes in den kanonischen werde um das Vergnügen und die Tugend des Landesherrn geflehet werden und besonders darum, dass er gesund wiederkomme –: er ging darauf allemal ans Fenster des Teaters und hatte Gedanken.

Aber heute brach er ab mit einem gezwungenen Lächeln. – Serenissima sah stolz über die öden Plätze meines Körpers hin, wo ich mich als eine blosse Henne darstellte mitten unter so vielen Courhähnen mit Kamm und Sporennämlich ohne Haarbeutel und Degen. Sie ist eigentlich die Goldschaumschlägerin des zeremoniellen Rausch- und Knistergoldes; ihre Courparole Von hätte den Adam, ihren Urherrn, als einen tafelunfähigen von wenig oder gar keinen Ahnenweil Präadamiten schwer zu dokumentieren sindvon ihrem Tischtuch verjagt. Sie wusste von den Römern, dass Sklaven oder (in der Sprache des Mittelalters) Leute frei würden, wenn sie mit dem Herrn ässen.

Endlich machte sich der Hof zum Marsche ins Tafel- oder Stummenzimmer mobil, und wir Kammerund Frankenherrenmeistens Leute, die nichts zu essen haben ausser im Bratenrock und die sich mit dem Degen an der Seite den Weg bahnen zur Schüsselund sämtliche Minister des Ländchens drangen in keilförmiger Ordnung voran, und die fürstliche Familie schleifte leicht hintennach. – – Die Langeweile, als die Königin des Balles, war bald hinten, bald vornen und flog wie eine muntere Hausfrau unter den Gästen umher.

Vierundvierzig Worte wurden zur Tafel geliefert und an fünfundvierzigtausend Seufzerich hatte Zeit zum Zählen der Lieferungen als der grösste SeufzerLieferant. O ihr Deutschen, warum sprecht ihr so wenig, zumal am hof, und vollends die Vierreuter! Sprechen ist Wachen, Schweigen nur Schlaf. Wenn man in Neapel die Satisfaktion hat, zu erfahren, dass jeder Balbier und Schneider einen zweiten zum Fremden mitbringt, um, während er rasiert oder misset, ein Sprechmitglied, einen Turniergenossen der Redeübung zu habenund dass sogar der Souffleur sich noch einen Zungenableiter und Mitlauter im Kasten hält: so weiss man nicht, was man in Deutschland zu dem allgemeinen Zungenkrebs und Lippenkrebsnur der letztere ist eine Krankheit bei Menschensagen soll, und das ist eben wieder deutsch und stumm. Sobald der Deutsche mit