glimmt. Wie düster! Ach unter der Wolke werden noch Bergspitzen in sanftem goldnen Abendscheine stehen.
Kein Blitz, nur Schwüle! – Aber ich merke, die Wolke zieht mich zu sich. Ach! jetzt wölbt sich auf einmal zusehends ein zweites Gewitter über mir; beide schlagen dann gegeneinander, und eines greift mich, jetzt verstehe' ichs. –
Bis auf die letzte Schlag-Minute schreibe' ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.
Nun geraten schon die Enden der Gewitter aneinander und schlagen sich. – Wie höllenschwül! – Oho! jetzt riss es meinen Charonskahn in den brauenden Qualm hinab! – Ich sehe nicht mehr – Was ist das Leben – die feigen hockenden Menschen drunten singen jetzt gewiss zu Gott, und die Erbärmlichen werden gewiss jeden vermahnen bei meinem Leichnam – Wie es hinauf- und hinabschlägt – In Wörlitz war mein letzter Tag, das ahnete ich ja – Himmel! der heutige Traum hat ja mich und mein Ende klar geträumt; er soll auch ganz wahr werden, und ich will jetzt mit meinem Postörnchen wütig ins Wetter blasen, wie ihr Mozart drunten im Don Juan, und den Heuchlern auf dem Boden den Anbruch des Jüngsten Tages weismachen – Addio, Graul, ja wohl kannst du mich nicht auf der Brust umarmen......
*
Giannozzos Freund (Graul oder Leibgeber) erteilte mir – weil sein Herz noch zu matt war vom Schmerze – nur mit einfachen Worten folgenden Bericht von dem tod des grossherzigen Jünglings:
"– Inzwischen braucht die Welt alles das gar nicht zu wissen; er heisse ihr Giannozzo und damit gut. Es ist eine besondere Schickung, dass dieser mein zwar nicht ältester, doch kräftigster Freund mir zweimal begegnete, ohne dass er es wusste. Denn ich war der tanzende Nachtwandler, den er auf dem Brocken in der Menuett gesehen; und auf meinem Wege nach Bern – wo ich meinen Clavis gemacht – stand ich gerade am Rheinfall zu Schaffhausen, als er oben blies. Das Gewitter wütete fürchterlich und nahe an der Erde und stürzte zugleich mit dem Rhein herunter. Wirklich vernahm ich und noch einige ein sonderbares, aber unharmonisches, abgestossenes, schneidendes Tönen droben aus dem finstern Wolkengewölbe. Endlich durchbrach dieses ein schmetternder Schlag: unweit von uns flog die zerschlitzte Kugel und die Sänfte daran auf einer Wiese nieder. Ich erkannte sogleich meinen teuern Freund. Sein rechter Arm und sein Mund waren weggerissen, das Horn zum teil geschmolzen, seine langhängenden Augenbraunen auf den hohen Augenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt. Ich spreche die vernünftigen Worte nach, die mir sein Traum in den Mund gelegt: 'Giannozzo, wo lebst du, Lämmchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich, ich gedenke deiner, armer Teufel!'"
Ende des zweiten Bändchens
Fussnoten
1 Er meint wohl die Eisenkuren. D. H. 2 Offenbar verrät hier Giannozzo seine Unzufriedenheit mit dieser wohlhabenden Stadt so wie seine individuellen Begriffe davon. – Ich kann mir leicht gedenken, dass es ihm darin nicht sonderlich erging; aber der Mensch legt oft die Eier, die man ihm – an den Kopf wirft. Leipzig zeichnet sich (wie vielleicht überhaupt Handelsstädte, z.B. Hamburg, London und die belgischen) durch reichliches Wohltun gegen arme aus; auch den Vorwurf der Volkshöflichkeit, den er macht, getrau' ich mir zur Hälfte abzutreiben, was bei dem Berliner-volk nicht anginge. 3 Vin tinto, der beste Wein in Algarbien und fast dintenschwarz. 4 Nach Doktor Pallas entstehen Federbüsche auf Hühnerköpfen vom Beinfrass. 5 Diese Überrechnung, wodurch Giannozzo verwildert, mildert andere Gerade die Vorstellung des aufgeblasenen Heers, dem man doch Schwimmblasen und Schwimmfüsse nicht ausreissen kann, lässt uns jeden dastehenden Stolzen, der mit dem Winde segelt, den er macht, und jeden Eiteln, der von der Luft lebt, die andere ausatmen, als einen Toren mehr, viel leichter ertragen. D. H. 6 Der wahre Name aber heisst, wenn anders die Zensur nicht Sternchen dafür setzt, ***** 7 Fabris Geogr. für alle Stände I.T.I.B. Seite 538. 8 Jährlich geht von Wien ein solcher Galgenvögelstrich wie andre Vogelstriche zweimal ab. 9 Auf den Karten heisst sie ***** 10 Semper fidelis hiess diese Stadt wegen ihrer Untertanentreue, und Jungfer, weil sie nie erobert worden. 11 Solche Wortspiele oder Spielworte, die der Handwerksgruss von Giannozzos Gewerkschaft sind, hab' ich niemals ausserordentlich hoch angesetzt. Auch hab' ich oben eine ganze lange mokante Stelle weggelöscht, wo er bloss gegen die Leserinnen und die Ehrensäulen feuert, die ich ihnen hin und wieder aufgerichtet. D. H. 12 Bekanntlich lud Ödip das getötete Tier auf einen Esel u.s.w. 13 Denn das Herz ist unendlich und ewig-neu. Wir können uns an den grössten Schönheiten und Wahrheiten Übersättigen und ihnen Reiz und umriss durch den Genuss zerdrücken, aber keine schöne Tat kommt uns veraltet oder zu oft, und über den moralischen Zauber und Genuss herrschet keine Zeit. Diese seelenstärkende Unveränderlichkeit bauet sich nicht nur auf die Grenzenlosigkeit des freien Herzens, sondern auch auf die eigne Einrichtung unserer natur, dass wir die moralische Schönheit und Freiheit und das Verdienst nur ausser uns finden und also lieben können, in uns aber nur moralische Wahrheit und notwendigkeit antreffen und billigen. Ich werde einmal diesem, unsern ganzen inneren Menschen und Lebenslauf durchziehenden Unterschied näher nachfolgen. A. d.