1801_Jean_Paul_053_30.txt

; ich riss die Luftähne auf und vergrub mich in den Dampf, worin nur das Basiliskenauge des Todes seine heissen Silberblicke auf- und zutat. – Ich war nicht nahe und tief genug am Blinken der Bajonetteam Feuerregen des Geschützesam Blutregen auf der Erdean den Stimmen der Peinan der weissen Gestalt des VerblutensNur die sanfte Musik, die Heroldin des Seufzers aus Liebe und der Träne aus Freude, musste unten im Jammer sprechen wie ein Hohn, und die Heerpauke der Kartaunen schlug mit Erdstössen in die weichen, guten Töne, und die Trommel-Wirbel des kleinen Geschützes gingen fort. – O Gott! – der Schmerz ging drunten auf und ab und trat unsere Gesichter mit Füssen und begrub den Toten nur unter Sterbendemein Herz dröhnteda hört' ich das Wiehern der guten, unschuldigen PferdeJetzt wurde' ich auch von der Wut gepackt, denn ich bin ja auch einer von denen drunten, und schleuderte grimmig und gerade alle Steine, die ich hatte, auf die ringende, vom Erdbeben eines bösen Geistes zum KampfWahnsinn untereinander geschüttelte Masse – – Mög' ich nur kein unschuldiges Pferd getroffen haben! – 50

Da hob mich der Gewicht-Verlust plötzlich ins hohe Blau hinauf.

Wie glänzte die Sonne in ihrem stillen Himmel so ruhig und kalt über der schwülen irdischen Hölle, als wären die Kriegsfeuer der Menschen nur kranke fliegende Funken vor ihrem grossen Auge. Ich sah mich um nach dem Schlacht-Gewölke, und mein Auge weinte zornig, da ich mir die Tränentropfen der Völker dachte, die sich für hineinleuchtende Kronen als ein stolzer Triumph- und Siegesbogen zusammenwölben. Ach das Schlechteste an der Menschheit oder Unmenschheit ist, dass kein Mensch, kein Fürst, keine Zensur, und sei sie auch noch so tyrannisch oder unverschämt, die bitterste Rüge des Krieges verwehrt, und dass doch die Ehre und die Dauer desselben darum nicht kleiner wird.

Wunderbarer Tag! Hell ziehen schon die schimmernden Schweizergebirge mit ihren Tiefen und Zinnen vor mir heran und schütten den Rhein weg; aber hinter mir wachsen eilig die Gewitterwolken in den Himmel herauf und schweigen grimmig; die Lüfte gehen immer langsamer und bewegen mich kaum.

Jetzt regt sich nichts mehr. Vor welcher Welt schweb' ich still! Vor mir donnert der Rhein, hinter mir das Wetterdie Stadt Gottes mit unzähligen glänzenden Türmen liegt vor mirtief in der Ferne stehen auf ewigen Tempeln weisse helle Götterbilder und der hohe König der Götter, der Montblanc, und der auf die tiefe Erde herabgeworfene Rhein steigt als ein weisser Riesengeist wieder auf und hat den himmlischen Regenbogen um und schwebt silbern und leicht.

Was ist das? kommt mein Schicksal? – scharrt der schwarze Hahn? – Ich wollte mich jetzt tiefer senken vor die herrliche, auf der alten ruhende neue Welt; aber ich konnte nicht, die Verbindung zwischen den Luftähnen ist durch das schnelle Aufreissen in der Schlacht zertrennt; ich kann mich bloss, wenn ich nicht durch Windstösse eine Alpe erreiche, eh' mich das Gewitter ergreift, durch das Aufschlitzen der Kugel erretten.

Jetzt trägt mich ein Windstoss ganz nahe vor die göttliche Glanzwelt. Aber schon arbeiten die Wolken lauter als der Strom, die schwarze Wolkenschlange hinter mir ringelt sich auseinander und zischt und schillert schon neben mir in OstenDer Sonnenwagen geht schon tief im Erden-Staube. Wie fliegen die Goldadler der Flammen überall, um die Sonne, um die Eiskuppeln, um den zerknirschten Rhein und um die giftige Wolke, und ruhen mit aufgeschlagenen Flügeln an grünen Alpen ausIch glaube, ich soll heute sterben, das grosse Gewitter wird mich fassen. So sterb' ich gern, Verhüllter über mir; vor dem Angesicht der Berge und der Sonne und des gewölbten Blaues weicht gern mein Geist aus der einklemmenden Hütte und fliegt in den weiten, freien Tempel. Ich drücke die sonnenrote Stunde und die gebürgige Welt noch tief ins brausende Herz, und dann zerbrech' es, woran es will.

O wie schön! In Morgen rauschen Donner und Fluten, und auf ihnen hängt statt des Regenbogens ein grosses, stilles Farbenrad, ein flammiger Ring der Ewigkeit aus JuwelenDie warme, sanfte Sonne glimmt nicht weit von den GewitterzackenNoch sonnen die goldgrünen Alpen ihre Brust, und herrlich arbeiten die Lichter und die Nächte in den aufeinander geworfnen Welten der Schweiz durcheinander; Städte sind unter Wolken, Gletscher voll Glut, Abgründe voll Dampf, Wälder finster, und Blitze, Abendstrahlen, Schnee, Tropfen, Wolken, Regenbogen bewohnen zugleich den unendlichen Kreis.

Jetzt gähnet ein Wolken-Rachen vor der Sonne; noch sehe' ich einen Sennenhirten mit dem Alphorn, dessen Töne nicht herüberreichen, am purpurnen Abhang unter weissen Rindern, und ein Hirtenknabe trinkt an seiner Ziege den Abendtrank. – Wie lebt ihr still im Sturme des Seins! – O die schwarze Wolke frisset an der Sonne! – Das erhabene Land wird ein Kirchhof von Riesengräbern, und nur die weissen, hohen Epitaphien der Gletscher glänzen noch durch. – –

Ich bin geschieden von der Weltdie unendliche Wetterwolke überdeckt die Schweiz und allesunter dem schwarzen Leichentuch regnet es laut unten auf der Erdees blitzt lange nicht und zögert fürchterlich. – Sterne quellen oben heraus, und mir ist, als schwämmen ihre matten Spiegelbilder als silberne Flocken auf dem düstern GrundHa! der Wind kehret um und treibt mich mitten über die stumme, gefüllte Mine, deren Lunte schon