1801_Jean_Paul_053_29.txt

' es vorher. Man dankte mir; ich fragte nichts darnach. Morgen entfahr' ich gewiss, der Wind dreht sich nördlicher. Tiefe Langweile füllet mit stehendem Ätzwasser den Napf meines Herzens. Sogar die derben Ulrichsschlager muss ich neben diesen Herrenleisern wieder vorziehen. Wie miserabel! –

Vierzehnte Fahrt

Letzte

Der Wind geht so frisch und gerade, dass ich abends sehr gut auf einer Alpe aussteigen kann, wenn ich den ganzen Tag nur hier oben schreibe und speise. Ich tue das, mein Schiff ist ein ordentliches schweres Proviantschiff. Speis und Trank hebt indes sogar mit der Zeit den Menschen und sein Schiff.

In meinem inneren ist aber noch schwüles Wetter von den peinlichen Träumen zurück, an denen ich die ganze Nacht wie auf heisser, schlüpfriger, zurückrieselnder Vesuvsasche mich vergeblich zu einer festen, ebenen Stelle hinaufarbeitete. So träumte mir, ein kohlenschwarzer Hahn stehe und kratze auf meiner blutigen Brust, um sich mein Herz auszuscharren. – Ferner, mein Postörnchen schrie durch vier Träume hindurch wie lebendig und gepeinigt in den höchsten, schärfsten Tönen und glühte hellrot von einem heissen Atem, den ein Traum ganz leise "das stille Ding" nannte. Sogar du, mein lieber Graul, wurdest unter diese Manen des Wachens geschickt; ich lief dir entgegen, aber du konntest dich durchaus nicht umwenden, du musstest mir bloss wie eine Gliedergruppe die herumgedrehten arme rückwärts entgegenrecken und drücktest mich sehr warm an deinen rücken und Zopf und sprachst die Worte ohne vielen Nexus: "Spass bleibt Spassso der liebe Mensch. – Giannozzo, aber so komm doch zu mir!" Aber du liessest mich nicht um dich herum, sondern stricktest mich fester an und riefest doch lauter: "Giannozzo, wo lebst du, Lämmchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich ich gedenke deiner, armer Teufel!"

Vielleicht find' ich dich in der Schweiz, guter Graul, wenn du gehalten, was du geschrieben.

Eben sehe' ich unter mir allerlei laufende Anzeiger, die mir wie die Inschrift einer Gassenecke sagen, wo ich bin; mehrere Konzertisten des Wiener Schubs arbeiten schon als Solospieler in den Wäldern und spielen eigne Sachen; ich stehe also über Schwaben.

Wie grünen die Weinberge! Wie glänzet der Nekkar! – Aber immer mehr ist mir, als hätt' ich diese Ebenen schon in alten Träumen durchwandelt. –

Ja, ich habe recht; jetzt zieh' ich über den unbekannten Zauber- und Morgengarten, wo das schwarze Auge der grossen Teresa neben mir glänzte und wo ich aus ihrer Brust die Rosen zog. Hier nimm sie wieder, Teresa, ich werfe sie in deine Lustgefilde zurück. Ach du stehst jetzt nicht auf dem Pharusturm. Nie werde deinem grossen geist der Flügel verwundet! –

Am Horizont wächset ein Vulkanen-Halbzirkel von zackigen Gewitterwolken auf. Ich höre von weitem donnern. Auf den Gletschern wohnt der schöne lange Blitz der Mittagssonne, und ich werde, hoff' ich, früher an den Bergen hängen als das Wetter.

Westlich sehe' ich jetzt den Münster und, wie ich glaube, den Strassburger Telegraphen, dessen Zeigefinger des Todes fast erhaben und schauerlich ist; wie eine Parze regt er seine Scheredie Zunge der Völkerwaage, der in- und deklinierende Kompass der Zeit.

Der Donner rollet immer lauter und voller heran, und doch stehen die weissen Wettergebürge noch so niedrig im Himmel. – O Teufel, er kommt aus einer Schlacht! – Soldatenhaufen sprengen über HügelLandleute rennenein Dorf brennt als Wachfeuerin einem Garten sehe' ich tote Pferde, und ein Kind trägt einen abgerissenen Arm fort.

Nun sehe' ich die Ebene und die Rauchklumpen, die die brennende Hölle auftreibt. Wie mich hineingelüstet! Mein Wind läuft gerade über das dunkle, breite Sterbebette der Völker; und da will ich mich in den entzündeten Schwaden senken und mitschäumen wie der elende Mensch. – Ich höre nur die dumpfen Axtschläge, womit der Tod sein Schlachtvieh trifft, aber noch keine stimme des ViehsRingsum im Blauen liegen die Gewitter des himmels ruhig an der Erde und schauen gerüstet zu, bis sie aufstehen und auch in die Schlacht ziehen. – Was willst du auf meiner Kugel, schwerer niederdrückender Räuber? Hast du ein Kind von einer stillen Alpe geholt'49 und willst es hier verzehren, wie Direktoren ein Hirtenland? Fort, du bist der schwarze Hahn, der diese Nacht nach meinem Herzen grub – O wie hoch ist seit zwei Minuten der Jammer gewachsen!

*

Entsetzlich! – Jetzt darf ich sie recht hassen, die Menschen, diese lächerlichen Kauze und Weisheitsvögel im Hellen, die sogleich zerrupfende Raubvögel werden, sobald sie ein wenig Finsternis gewinnen. Nur mit Schiesspulver tun sie alles; nur damit reinigen sie die Kerkerluft der Länder; damit machen sie die Wunde, die ihnen das wütige Laster gebissen, weiter und heil. Jahrhundertelang arbeitet die Habsucht in ihrer Silberhütte, und dann ist endlich in den Giftfängen eurer Herzen so viel Arsenik angelegt, dass mit dem Hüttenrauch alles, was lebt und blüht, fahl und kahl zu machen ist. Himmel! wie zog heute der Edelstein der zweiten Welt die Spreu von Seelen gierig an! Und unten stand der Teufel und hatte einen kleinen Markt mit Gliedern für Leute aufgeschlagen (z.B. Fürsten und Direktoren), die an ihre Heiligen gern Votivglieder hängen wollen, um für ihre salvierten zu danken.

Ein Windstoss warf mich plötzlich mitten über die wolkige Brandstätte voll Waffenglanz