nicht einmal das Gefühl ihrer steigenden Entkräftung bessert!
Die langweilige Szene wurde mit Ergebung und Applaus gar durchgespielt. Ich lernte in Wien im Sperl, im Fasen, im Mondschein – es sind Schenken – mehrere "Saal- oder Tanzmenscher" kennen, denen der Wirt für jede Nacht vierzig Kreuzer gibt, welche sie mit seinen Gästen vertanzen; solche Freudentänze hat nun mein Badadel schon an Höfen für Pensionen u.s.w. zu machen gelernt.
Damit nur was passierte, sagt' ich, ich wäre der Hochzeitredner und wünschte wohl anzufangen. Ich stieg auf den cû de Candide, sah, darin aufgestellt, an der um mich versammelten gelben, welken, gedunsenen, suffisanten, platten Vexierbauern-Massa fast ironisch hin und her und sagte, so viel ich noch davon weiss, mit zynischer Badfreiheit dieses:
"Teuere Dorfgemeine!
Ich will euch und das Brautpaar heute bloss froh machen und weise des Endes bloss stärker auf die Vorzüge hin, die euer sonst verachteter Stand so sehr vor dem vornehmen voraus hat. Denn ihr schätzt sie nicht genug. Bedenkt ihr oft genug, ihr Kerngesunden, was ihr für Baummark unter eurer Rinde und was ihr für Blüten an euren Zweigen tragt? Seht euch alle an und dann haltet euch in Gedanken einen Augenblick gegen die Grossen in Städten und Baddörfern, die ihr etwa kennt – damit ihr den Unterschied merkt-, ach wie erbärmlich mürbe, rosenfalb, gelbblätterig sehen die Armen aus! Ich bete oft für sie. Mehrere haben sich, so wie sich Scharfrichter ehrlich richten, zur Tugend hinaufgesündigt, z.B. zur unwillkürlichen Entaltsamkeit, da ihnen als Moralisten freiwillige lieber wäre; einige sterben den ganzen Tag und leben ein wenig im Schlafe; die meisten zerfahren.
Euch, ihr festen unschuldigen Landleute und Böheimer, sind das freilich ganz andere böhmische Dörfer, als ihr bewohnt; euer gesundes Lebenslicht haben noch keine sanfte Frühlingslüfte ausgeblasen oder schneller brennen lassen. Wie, ihr steht den herrlichen, kecken, freien, muskulösen, brustbreiten, eingewurzelten, augenfeurigen Wilden so nahe (nur seid ihr gebildeter) und wisset nicht, was ihr damit habt?
Hört, euch neidet der vornehme; zuerst um eure Anlagen zur Sünde und dann zur Tugend. Er betrachtet eure starken Fäuste, womit ihr so leicht totmachen könnt – so wie erschaffen –, und erwägt dann sein Nichts. Ja, er beneidet das gesunde Tier wie euch und wünscht, das menschliche Steissbein, das nach den Anatomen das güldene ABC und der Ansatz zum tierischen Schweife ist, wäre weiter fortgesetzt. Wie Mönche bewohnen sie die fruchtbarsten Gegenden Europas, mit dem 'Gedenke des Todes' auf der Brust. Ich sag' euch, so wie vornehme in Frankreich die Rechtschreibung ihrer Werke gern vom Setzer und Korrektor annehmen, so würden sie die moralische Ortographie ihres Lebens von ihrem Beichtvater und Leichenredner mit Vergnügen empfangen, wär's ihnen nur vorher vergönnt, ein recht unortographisches zu führen.
Nicht einmal das Kleinere, eure Tugenden, entrinnen dem Neide der Grossen, gute Böheimer! Die armen Reichen und Vornehmen, die noch immer eine gewisse Passion für die Tugend nicht verlassen will und die vielmehr auf diese erpicht sind wie Spinnen und Mäuse auf Musik, müssen sich aus Unvermögen aufs Anschauen dieser Grazie auf Bühnen, Bildern und romantischen Papieren einziehen; aber wie gerne wären sie gleich euch im Besitz derselben, wenn sichs geben wollte! Ihr wisset kaum, was ihr habt, Zuhörer! – Kränklichkeit gebiert Furcht; aber diese, die sonst die Götter erschuf, vernichtet jetzt das Göttliche. Es ist entsetzlich bis zum Ekelhaften, wie weit ein Gemütsschwächling sich an andern nicht sowohl versündigen kann als an sich, und es ist ordentlich jammerschade, dass er ein Ich hat; so sind auch Leute in physischer Ohnmacht wegen Lähmung der Schliessmuskeln nicht in der besten Lage, sondern in ähnlicher. – Daher sagt und weht kein Mensch von einigem stand mehr scharf Ja oder Nein, sondern er bläset (wie die Winde Nordostwind etc.) Janeinja oder Neinjanein; so wie auch einige deutsche Gelehrte anfangs sagen 'Allerdings'- dann 'Freilich' – dann 'Indes' – dann 'Insofern' – dann 'Wiewohl' – dann 'Demungeachtet' – endlich 'Vielleicht'. – Daher sind die Grossen so hart und kalt gegen eure Not; denn Kranke sind es gegen jede ausserhalb ihres Bettes.
Seid indes nicht unbillig gegen den Höhern; wenn ihr euren Rock auszöget, würdet ihr vielleicht nach dem Sprichwort als Bauern, die Edelleute geworden, am schärfsten scheren. Ihr habt freilich mehr Geschmack für Essen als für Künste und Poesien; aber ihr übertrefft wieder den Adel an Adel und Zufriedenheit. Ihr seid keine Odmänner – Odelmänner – (meine heilige Stätte schaukelt zu sehr) – keine Atelinge – Ölinge47 – Stadtjunker – Gottesjunker48 aber Leute oder Litte – Gotteshausleute – Halbfreie – Dreiviertelfreie – Halbspänner – Kossäten – Das fatale Schaukeln! – Ihr habt zwar nichts mit dem Edelmann gemein als das Ackern mit dem polnischen; aber ihr seid doch keine Badgäste, sondern gesunde Badwirte – Ihr seid, wenn nicht zu Rittern, doch zu Bauern geschlagen – Ihr lebt unter dem Zepter der schönsten Landesherrin und begeht heute ihren Geburtstag an einem Hochzeittage. – Ihr seid (das bedenkt) arbeitsam, stark, jung, froh, keck, fest, feist-"
Das Schwingen der Kanzel nötigte mich, ohne Amen herauszuspringen. Man lachte und wurde um nichts besser; ich wusst