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ist, was mehr plagt, ob die Schwere oder die Blendung einer Krone, ob die Handschwielen oder die rücken-Striemen vom Zepter: so können die Menschen doch nicht einmal einen Ball, ein Essen, ein Schiessen durchführen ohn' eine Ballkönigin, einen Ess-, Opfer-, Schützenkönig, die Vizekönige nicht einmal angeschlagen. Kurzsichtige Langhälse schreien über die Augenbraunen eines Monarchen, welche, so wie sie finster nieder- oder heiter aufwärtsgehen, eine Welt senken oder heben; aber zeigt mir in der geschichte nur einen republikanischen Boden fünf Kubikfuss breit, wo nicht dieselben Augenbraunen wüchsen! Jeder Minister, jeder Generalissimus in Rom oder Paris hat Haare über dem Augenknochen, an deren einem Länder über den Abgrund hängen44. Glaubt ihr Menschen denn etwa, dass ihr nicht kleinlich und Opfertiere des Zufalls wäret und dass ihr nicht Gott tausendmal dankt, wenn ein anderer aus Höflichkeit sich in eurem Namenentschliesset? – Warum achtet ihr die Gewohnheit so sehr, diese Geschäfts- und Waffenträgerin der Willenlosigkeit, und den Gebrauch, diesen Kurator des abwesenden Geistes? – kommt ihr und die Frösche nicht um, aus euren stehenden Teichen in frisches, immer reges Flusswasser geworfen? – Duldet ihr nicht höchstens nur ein Original, wie Lübeck nur einen Juden, und Millionen Kopisten, anstatt umgekehrt so viele Originale und wenige Kopisten? – Und brütet nicht jedes Original gerade sein Gegenteil aus, den Nachahmer und Affen, und sitzt daher nicht in den deutschen und kritischen Wäldern der gemeine Affeder Schweineschwanz-Affeder Hundskopfder weisse Bartaffeder schwarzeder mit dem flügelähnlichen Bartder Hutaffeder blau- – der weissmäuligeder Gibbonunzählige Pavianeund noch mehrere Meerkatzen? Endlich da die auslaufende Menschheit wie eine Sanduhr doch nur wieder geht durch Umkehren: wenden sich nicht die Menschen wie zusammengeschichtete, nach Amerika adressierte Soldaten in Schiffen wieder zu gleicher Zeit und in Massa um, so dass dabei mehr eine Reformation herauskommt als Reformierte? – Ich bescheide mich daher gern, dass die sattelfesten steifgestiefelten Deutschen mir auf alle jene weit voneinander entlegenen Gleichnisse von ihrer Sattelfestigkeit nur mit wahrem Abscheu nachgesprungen sind.

Jetzt ist es Mitternacht; man glaube nicht, dass ich einen ganzen Tag, den ich hätte verfahren können, im Schwitzbad Herrenleis würde versessen haben, wenn nicht die westliche Deklination des Windes gewesen wäre; womit ich mich noch besonders beruhige, ist mit der Hoffnung, dass ich vielleicht (man gönne mir den frommen Traum) den Schwitz-Badort, nämlich den geadelten teil davon, in einen mehr als gewöhnlichen Grimm und Harnisch gebracht.

Und zwar als Hochzeitprediger. Ich fand nämlich viele alte Bekannte, einen böheimischen Grafen, einen von der berlinischen Legations-Pepiniere, einen Landhofrichter und unsern alten Saufaus mit dem Stern45. Ich sprach mit dir, lieber Graul!

Hier ist nun die allgemein gelobte Fürstin Candide, für welche man gern alle Tage etwas anstellte, geschweige an ihrem Geburtstage. Um dir nur ein Beispiel der allgemeinen Verehrung zu geben, so erzähl' ich dir, dass sie die hiesige Gartenschaukel Candidens Steiss ( de Candide) heissen, seitdem sie darin gesessen. Es kam von einem französischen Spasse her. Der besagte Saufaus machte, da sie in der Schaukel aufgezogen wurde, um hinauszufliegen, den sehr guten Calembourg: "Elle se leve le premier, mais c'est la premiere fois"46; dadurch verfiel ein anderer darauf, die Schaukel einen Pariser de Herrenleis zu nennen; bis endlich der sämtliche Adel sich leicht vereinte, die Prinzessin und die Schaukel durch den obigen Titel zu verewigen. Eine Fürstin oder ihr Mann oder ein Genie huste, niese, stolpere an irgendeiner Bank oder Alpe in einem Park u.s.w.: so verewigt die Alpe die Sache und sich und nennt sich nun Nepomuzenas oder Nepomuks etc. Husten, Niesen etc. So purzelte zum Beispiel im Park zu Brüssel Peter der Grosse aus dem Wein, wovon er gefüllt herkam, in das dazugehörige wasser in einem steinernen Becken: seitdem steht der Vorfall oder Fall ans Becken geschrieben. So weiset uns Leipzig im Paulinums-Zwingervorher lag der Tropf in der Pauliner KircheTetzels Knochen vor; wozu freilich kommt, dass einer Stadt, die mit so vielen Waren handelt, ein Mann nicht gleichgültig bleiben kann, der den Ablass dazu verkauft.

Diese schöne Fürstin nun und ihren Geburtstag hielt der gesamte Badadel für wert, dass er an demselben eine böheimische Bauern-Hochzeit ihr in bäuerischen Verkleidungen vorspielte; ich erbot mich zum Hochzeitpater, ich konnte meinen grünen Mantel als den nürnbergischen Kopuliermantel brauchen. Der Zug zogeinige Bäuerinnen waren Lilien und Engeldie Bauerngarnitur sah freilich mehr wie eine Schnur gedörrter Birnen aus, es waren Krebse in der Mause, nämlich unter dem Schein der Schalenpanzer nur eiweiche NaturenDie Prinzessin wurde schön überrascht, aber nur von keinem Einfall; denn die Masken konnten nichts einkleiden als sich; bloss der Saufaus hatte einen, als Brautvater; die Bauern blieben höflich und stumpf. Die Hof-Deutschen halten die Anziehstube schon für die spasshafte Bühne. Lange Libertinage macht nur die Weiber klüger, aber die Männer dümmer; die jungen Leute zünden sich wie Branntewein an, und ihr Geist brennt weg; bloss Titel und Zeichen ihres vorigen Verstandes tragen sie noch auf dem gesicht fort, wie leere Bouteillen auf Tafeln die silberne Ordenskette ihres Inhalts. Aber wie schlecht müssen die Grossen sein, da sie