Bergspitze zu Bergspitze, ohne erst ordentlich hinab- und hinaufzuschleichen: so verlieren sie den Gipfelspringer sogleich aus dem gesicht und erholen sich lieber an ihrem Reichsanzeiger, worin kein Mensch von vornen anfängt, sondern eher. Indessen hat der Fehler sein Gutes: der deutsche Autor und der Ton, die beide das wasser nur in sich ziehen, aber nicht durchlassen, machen eben dadurch Quellen.
In meinem Wirtshaus fand ich um einen berühmten deutschen Romanschreiber, dessen Autorschaft eine lange deutsche Übersetzung seines französischen Geschlechts-Namens ist, einen Bogen Manuskript geschlagen, dessen ganz artige Sentenzen durchgestrichen waren; ich schälte ihn ab, um ihn hinter die zwölfte Fahrt zu heften. 43 –
Letztlich hospitiert' ich auch bei vier St. Görgnerinnen, Professorinnen; schon das akademische Gericht, das sie über die St. Görgner Lehrstühle hielten, konnte mich überzeugen, dass eine Universität – wenigstens in Rücksicht ihres friedlichen kollegialischen Lebens – dem Sacke nicht ungleich sei, worin man sonst einen Vatermörder ertränkte, und in welchem ein Hahn, eine Schlange, ein Hund und ein Affe (oder in dessen Ermangelung eine Katze) noch ausser dem Mörder als Amtsbrüder beisammen hauseten.
Ich ging etwa drei Stunden später ab als der langweilige Langheinrich, der sich einsetzte, um der Sitzwelt ausser dem Konterfei seines Gesichts auch eines von den Ländern in die Hand zu geben, die er für würdig hielt, dass er darin stallen liess. Ich sah ihn unten auf einer weiten Ebene fahren. Als sein Postillon zufällig den Dessauer-Marsch blies, setzt' ich mein Hörnchen an und repetierte wie ein Widerhall den Marsch schwach und stark dreiundzwanzigmal. Langheinrich steckte den Kopf heraus und übersah die leere Ebene, aus welcher das unbegreifliche Echo aus nichts akustisch herzuleiten war; indes verleibte er das merkwürdige Ereignis der Reisebeschreibung ein, um den Physiker zu befragen, was er sich bei dem dreiundzwanzigmaligen Wiederholen da, wo alles platt ist – moralisch liesse sichs eher glauben –, zu denken habe.
Das folgende ist das gedachte Manuskript:
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Ich beschwöre es, dass es kein einziges Land gibt, worin einem Fürsten eine treue, alles berichtende Ambassade vom ersten und letzten Range so nötig und erspriesslich wäre – als sein eigenes.
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Wenn die Weiber von Weibern reden, so zeichnen sie besonders an der Schönheit den Verstand, und am verstand die Schönheit aus, am Pfau die stimme, das Gefieder an der Nachtigall.
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Die Frau spielt auf der Bühne besser in einer Rolle, wo sie sich zu weinen stellt, als in einer, wo sie zu weinen hat.
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Die Menschen verraten ihre Absichten nie leichter und stärker, als wenn sie sie verfehlen.
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Der Scherz ist unerschöpflich, nicht der Ernst.
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Dem sentimentalen Heuchler lasse nicht lange Reden zu, weil er sich durch diese erweichen will. Manche können nur weinen, wenn sie reden.
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Keine Versprechungen werden schwerer und später gehalten als die, bei welchen die Zeit der Erfüllung nicht bestimmt ist. Daher geben viele oft dem Freunde das geborgte Geld nicht zurück.
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Man glaubt seine Fehler dadurch wieder gutzumachen, dass man sie sogleich hinterher bereuet; warum setzet man denn nicht voraus, dass der andere seine auch bereue, und dass er sie auch damit entsündige?
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Verschwiegenheit wird darum so schwer, weil sie oft gar keine Grenzen der Dauer kennt. Eine funfzig Jahre lang dauernde gute Handlung wird dem Menschen gar zu sauer.
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Unsere Begierde verschluckt, wie der Armpolype, mit der Beute zugleich die eignen arme, die diese ergriffen.
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Wie Geruch zu Geschmack, so verhält sich Erinnerung zur Gegenwart.
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In der Jugend ist die Hoffnung ein Regenbogen und in den grauen Jahren nur ein Nebenregenbogen des ersten.
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Die Reformatoren vergessen immer, dass man, um den Stundenzeiger zu rücken, bloss den Minutenzeiger zu drehen brauche, oft den Terzienzeiger.
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Gleich dem Jüngsten Tage verwandelt uns die Poesie, indem sie uns verklärt, ohne uns zu verändern.
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Nur im Leiden sitzt man über seine Fehler zu Gerichte, wie man nur im Finstern Bläschen in grossen Spiegeln untersucht und findet.
Dreizehnte Fahrt
Die Atonie des Jahrhunderts – das Bad Herrenleis –
cû de Candide – Bauernhochzeit und Predigt dazu
Ich fliege gerade den Schweizer-Bergen zu; nur treiben die wie feindliche Parteien umherstreifenden Gewitterwolken, die meinen Globus attrahieren, ihn zu häufigen Konjunktionen mit der Erde nieder. Heute morgens ging ich ins Bad Herrenleis herab, wo ich jetzt sitze. Die invalide beau mond, die eben den Brunnen umrang, lief mit den Bechern zu mir heran. Ich machte kalt vor ihnen allen – wie etwa vor einer zuschauenden Wiederkäu-Herde – meine Sachen zurechte. Eine hübsche Sammlung von Gesichtern! Jedes war an seinen Eigentümer als das schwarze Täfelein angeschlagen, das im Hauptspital zu Wien am Bette eines Kranken hängt und worauf dessen Klistiere, Zuckungen, Husten, Stühle und Durst verzeichnet sind! Der grössere teil davon gehörte noch dazu nicht zu den dienenden, sondern regierenden Brüdern, welche in irgendein Teilchen von diesem Weltteilchen ihren Kranken- und Fürstenstuhl eingesetzet haben. So wird regiert, der Krankenwärter vom Siechling, der Blinde vom Hunde, die Frau vom mann. Denn seitdem die Weiber männlich, und die Männer weibisch werden, wie in Aachen Hirten Mädchen pfeifen, die Knaben aber nur singen, seit dieser Dynastie regiert ein Weib beinahe sich selber mehr als einen Mann, weil List und Schwäche lieber befiehlt als Stärke und leichter beherrschet als Recht. Obgleich die Frage