hinziehen über den langen Tag und über die Gärten und Spiele der Menschen? – Glühe nur herauf, Unsterbliche! – Ich stehe noch kalt und bleich an meinem Horizont und gehe noch hinunter zu dem dunkeln Eise; aber werde' ich auch wie diese, o Gott, wärmer und heller aufgehen und wieder einen heitern Tag durchlaufen in deiner Ewigkeit? –
Zwölfte Fahrt
Die hohe Schule St. Görgen – dasige Philosophen
und Philologen – das falsche Echo – kostbares
Fragment von J. P.
Jetzt würde' ich vielleicht nach der Schweiz gelangen, wenn der Wind nur noch drei Tage so südlich fortbliese. Es schadete nichts, dass ich bloss auf einen einzigen mit meinem Luft-Marktschiff einen WindMarkt, die Universität St. Görgen40, bezog. Unter der Niederfahrt flog ich vor einem hohen Fenster vorbei, wodurch ich den berühmten Deutschlands-Renner Langheinrich, der schneckenmässig jedes passierte Städtchen mit seiner reisehistorischen Dinte beschleimt, steif auf einem Sessel sitzen sah, ich weiss aber nicht – denn er steht schon als dessus de porte vor der all gemeinen deutschen Bibliotek –, liess der Harttraber sich ab zeichnen oder einseifen. Beiläufig! warum verschleudert man ein ganzes heraldisches Figuren-Kabinett von so vielen Ökonomen, Philologen, Juristen als Titelblatts-Vorzimmer für Krünitzens Enzyklopädie, die allgemeine deutsche Bibliotek u.s.w.? Die Physiognomen und Maler wollen mit diesen emsigen, aber so gemeinen Gesichtern wenig verkehren, da ohnehin auf allen Wochen-Märkten solche physiognomische Ware umsonst zu haben ist. Der Liebhaber und Freund will gern den Kopf besonders haben zum Genuss, ohne den schweren Band. So hab' ich z.B. mir eine ganze Suite solcher Köpfe aus grossen Werken geschnitten und führe die Suite bei mir; gelang' ich nun einmal zum ruhigen Stillsitzen – welches jeden Morgen nach der ersten Tasse schwarzen Kaffee geschieht –, so zieh' ich meinen Kopf hervor, präge dessen Projektion recht tief dem meinigen ein und tue dann meinerseits auch für die Kehrseite etwas. So werde' ich ewig durch Köpfe von Kopf gehoben und verfeinert und gehe dann leicht als geseimter Honig aus der Welt.
Ich lief zu keinem einzigen Genie in St. Görgen. Mein Stolz würde sich dagegen aufbäumen, wenn ich vor den Tronsessel der sogenannten Genies auf unsichtbaren Regenwurmfüssen mich hinziehen wollte, da er und ich das egoistische Pusten und Blasen und sogar die mündliche Leerheit dieses fliegenden Corps seit Jahren kennen; von ihnen ist wenig mehr zu holen als das Weiber- oder Kunkellehn, der Körper, von einem andern, obwohl unberühmten Mann aber sehr oft ein gescheutes Wort, so wie nur unberühmte Leute, deren literaturbriefliche Rezension die Antwort des Freundes ist, die bessern Briefe schreiben. Aber ich hospitierte sehr in St. Görgen. Ich freuete mich den ganzen Tag, dass öffentliche Lehrer das jus Archivi41 haben und ich ihnen also Sachen glauben durfte, die sie gar nicht erwiesen. In drei philosophischen Hörsälen sonderte ich besser ab, nämlich mein Leib, der Appetit wurde geschärft und das Muskelnspiel zumal auf dem gesicht frisch beseelt42 – welches alles das zuverlässigste Zeichen war, dass ich noch mit gemässigtem und unschädlichem Tiefsinn wirtschaftete und die Wahrheit hetzte, so wie die drei LehrstuhlStatisten ebenfalls; wären wir vier syllogistischen Figuren mit starkem und unnatürlichem zu Werke gegangen, so hätten die sechs nicht natürlichen Dinge mehr gelitten als gewonnen, und wir wären nach haus gekommen ganz verstopft, gesichtsfaltig, muskelschwach und halb aufgelöset. Warum halten aber Kreis- und Stadtphysici bloss bei sich, und nicht auch bei philosophischen Adjunkten darauf, dass nie länger und tiefer philosophiert werde, als es dem Magen Freude macht? – Stille Narren in Bicetre flechten in ihren guten Stunden Strohschachteln; leere, feste Wortformen sind dergleichen, und jeder Philosoph wird sie flechten, der seinen Muskeln und Zuhörern mehr geben als nehmen will.
nachher hospitiert' ich weiter herum bei den Philologen, Historikern und Ästetikern. Ein alter Prorektor gewann mich durch das komische Licht, das er auf sich warf, da er den Ovid von der Liebe ernstaft und murrend durchging, ohne – als bleicher Bleicher der klassischen alten Wäsche und Dezennien lang den Schimmel der Varianten und Konjekturen mähend – in seinem Leben mehr törichte Jungfrauen gekannt zu haben als die fünf Direktricen davon in den vier Evangelisten. – Aber wird ein gesetzter Schulmann, der unter den Hetären bloss mit der babylonischen und unter den idealischen Madonnen bloss mit seiner Hausehre und der Wickelfrau im Vorbeigehen verkehrte, nicht ordentlich verschwendet, wenn ihn Redakteure nötigen, im Schlafrock und Schlafkranz durch Zimmer voll junger, in Verse oder doch zu Papier gebrachter Liebender mit der Rezensionsfeder hinter dem Ohre invigilierend zu marschieren und das allgemeine Knien, Anbeten, Liebeserklären, Brennen aus dem mund und Küssewerfen in allen Stuben genau zu examinieren und sozusagen zu kredenzen – wie abgeschmackt und widrig schmeckts dem alten mann! – und nachher Tabellen davon einzureichen? – Warum setzen dem Schulmann die Flammen, denen er in seiner Wirklichkeit entrann, noch auf dem Papiere nach? –
Vor den deutschen Katedern fand ich wieder, was ich sonst in den deutschen Büchern verfluchte, nämlich ihre Liebe zu Bindwörtern; sie schlichten Reifen in Gestalt eines Fasses aufeinander, und dann haben sie ein Fass. Die Setzer stellen zwischen jedes Wort ein sogenanntes Spatium; die Deutschen verlangen auch wohltuende Spatia zwischen den Gedanken und nehmen dazu Worte und Perioden. Einen, der mit seiner Sache auf einmal herausplatzt, sehen sie ganz verblüfft und erschrocken an; und fährt er gar fort und springt wieder von