treffe dich, und wenn ich meine sterblichen Glieder beschaue, will ich mir vorhalten, wie leicht sie weggeschossen sind. Gedenke des Todes, Soldat!' – Wie gesagt, das stärkt. Indes sollen Sie meiner Scherenflotte wegen für keinen heller Belagerungsmünzen machen müssen; ich segle jetzt ab, nachdem ich Ihren ganzen Blasenstein genau genug besehen und abgezeichnet habe. Empfangen Sie etc."
Ich schickte den Brief-Stein oder die Brief-Wachtel samt einem Fluge anderer hinab, und der Orlogkobel fuhr höher hinan und hinweg, unter dem entschlossenen Nachfeuern der ganzen Besatzung. –
Der Tempel der natur war voll ruhiger Kolossen gelagert, aber der Mensch stieg klein und kleinlich auf ihnen herum; er steht in diesem Tempel wie die römischen Deputat-Juden in dem christlichen, wo sie niesen, husten, scharren, um nur dem Bekehren zu entkommen. – Aber warum hab' ich das Unglück auf meiner ganzen Fahrt, dass kein Nordost bläset, der mich über die Schweiz führte?
Diese hehre, heilige Gegend konnte' ich wenigen, am wenigsten dem daherfliegenden Frosch, der sich gerade wie ein anderer im dünnen Luftraum aufbläset, nämlich dem erbärmlichen Luft-Styliten Blanchard vergönnen, der für Geld seinen Küstenhandel nahe an der Erde trieb, und der jetzt mit dem tiefern Gegenwinde daherfuhr. Ich, zu einem Luft-Treffen fertig, stiess wie ein Falke auf sein Schiff, sah' es aber leck nur langsam sinken; der Sünder hatte manches an sich, was er hätte brechen mögen, den Hals kaum gerechnet. Mög' einer diesem Windschiffer einmal hinter einer Windbüchse nachschauen!
Als ich über das Laucher Komödienhaus wegzog, dankt' ich dem Himmel, dass ich nichts davon sah als dessen Zeitmesser an den Mauern. Wie Wasseruhren an den griechischen Festen (nach Aristoteles) den wetteifernden Bühnenstücken die Dauer ihrer Aufführung zumassen: so standen nicht tragbare, sondern tragende Wasseruhren, die Laucher Herren, gegen die Wand des Hauses gebogen, und die Länge der Szenen war aus der Länge ihres Standes leicht zu ermessen.
Hässlich spät ging ich in Rosiza nieder in der Jüdenstrasse (keiner Judengasse), bloss um meine Schaukel zu amöblieren. Doch musst' ich mich noch abends mit dem Wirt überwerfen, der durchaus wissen und nachher notifizieren wollte, zu welchem Tore ich einpassiert sei, weil man den Torzettel mit seinem Nachtzettel konfrontiere. Da ich nun zu gar keinem hereingekommen: so liess er mich offiziell visitieren, um zu wissen, ob ich nicht den König betröge. – Am andern Tag stieg ich und ein Drache, den ein Junge als meinen Statisten und Nuntius de latere emporschickte, nebeneinander in die Luft; die Strasse war etwa mit einer fünf Schuh hohen Lavaschicht von zuschauenden Rosizer-Köpfen überschüttet, welche immer weiterfloss. Rosiza wollte mich mit meinen alten Freunden – mit seinem Freiheitsgeiste – und seinem Gesellschaftstone so verstricken wie sonst; aber der Südsüdwest blies, und ich war des bewohnten Landes satt und so durstig nach dem leeren, reinen Meer.
Zehnte Fahrt
Stadt Ulrichsschlag – Herr van der Haft – der Staat
ein Industriekomtoir – Kleiderordnung für Bücher
In diesem Ich-Besteck, in diesem leib, braucht man, man ziehe immer die reine Seeluft des Luftsees ein, doch stets seinen Taler Geld. Welcher Luft-SchiffsHerr von Bedeutung wäre nicht bei einem Südsüdwest, der in die Ostsee trug, gerade über Ulrichsschlag weggesegelt, wenn er nicht leider darin gerade einen Grossoheim hätte, dem er einen Prima-Wechsel präsentieren kann? –
Diese dumpfe, wühlende, in der Walkmühle der Arbeit dampfende Stadt – wovon ganze Gassen an einem Knochen, an eine Silberstange nagen und schaben – taub gegen Freude und heiss dahinrennend wie ein Gaul, dem man eine bleierne Kugel ins Ohr gesetzt, und in den Gehirnkammern von einer gedrückt – – diese fleissige Stadt und Menschen-Holländerei hatte das Glück, meinen Grossohm zu behausen, den Herrn van der Haft, einen edlen Bankier, der aus dem Geld nicht viel macht, sondern nur wieder Geld und der das "nach Belieben" auf den Komödienzetteln über setzt in "tel est notre plaisir" und daher weniger gibt als der Geringste.
Ich wäre aber beinahe in die zugesperrte Judengasse – einen brütenden, summenden Schwarmsack von Menschen – gefahren, hätten mich nicht glücklicherweise zwei Juden37, welche Hand in Hand abbliesen und absangen, um sich wechselseitig zu dekken, seitwärts hinaus gesungen und geblasen durch die Doppelsonate und das doppelte Ausrufungszeichen. Im Vechter-Viertel lief ich im Gastof zum Vielfrass ein. Den Morgen darauf trug ich meinen Wechsel ins Franecker, wo mein Oheim wohnt.
Es versetzte meine Phantasie magisch ins schöne Holland, wo zwar die Besitzer unreinlich, aber die Besitzungen so äusserst reinlich sind, da die Magd vom Haus, als ich über die neugewaschene Hausflur gestiefelt wegschreiten wollte, mich auffing und mir sagte, ich müsste mich aufsetzen, sie trage mich zum gnädigen Herrn ins Zimmer. Ich ritt als närrischer Zentaur ohne Bügel und Zügel auf dieser Filial-Rosinante vor die Stubentür meines guten Schwertmagens hin und sass ab. Ein altes, lächelndes, rundes, voll Radien gestrichenes, wie ein Dotter im dicken Eiweiss einer Perücke schwimmendes Gesichtlein, auf einem Körperlein sesshaft, nahm mir mit vielen Höflichkeiten den Prima-Wechsel aus der Hand und fragte mich – ich hatte mich nicht genannt –, ob die Zahlung an Ordre zu stellen sei; "ich bin Herr Giannozzo selber und Sie mein Herr Grossohm", sagt' ich Er bewillkommte ohne Erstaunen