1801_Jean_Paul_053_17.txt

Rosen an den heissen Lippen und mit dem Fernglase an den brennenden Augen flog ich über die Berge und Ströme. – Endlich, als die Blühende dem bewaffneten Auge nur noch ein weisser Schatten hinter mir war, entdeckt' ich damit viele Meilen von mir einen rotgekleideten Menschen auf einem Hügel und neben ihm zwei leere Pferde weidend. Mein Auge wurde nass, da es sich auf zwei getrennte, einander von Bergen verdeckte Menschen richten konnte, beide schmachtend und träumend, er die heilige Zukunft in Süden suchend und sie ihre in Norden; indes für mich wie für einen Gott alles nur Gegenwart war. Ich riss ein Blatt aus diesem Buch, schrieb darauf: "Eile, Jüngling, die schöne Teresa wartet deiner auf dem Pharusturm", band es an den Pomeranzenzweig und warf es, da ich über seine Augen wegzog, die sich schon lange auf das allein immer schneller fliegende Wölkchen im grossen Blau geheftet, über ihm aus, und die Frucht riss das flatternde Blatt der Liebe steilrecht hernieder.

Ich wandte mich umdie schöne Teresa auf dem Pharus war verschwundender Jüngling sprengte die Hügel hinab und kehrte den Kopf häufig gegen das eilige erfreuende Wölkchen. O liebt, liebt, ihr Glücklichen! –

Die Knospe meines Rosentags blätterte sich weiter auf. Um 10 Uhr senkt' ich mich in Lilar nieder. Die junge, erst vor einigen Wochen verheiratete Frau führte mich zu meinem alten Freund Dian, der sich im Flötental abkühlte. Wir tranken tapfer wieder. Er sah mich nie so glühend. "Im Winter" (sagt' ich) "ist bei dem volk die grösste Armut; nur der warme Geist ist ein reicher. Aber hier ist es zu heiss; ich kühle meinen Wein oben im Himmel." – Auf! auf! rief ich und fuhr aus dem prächtigen Garten davon, den leider noch keiner unserer erbärmlichen Reiseskribenten nur mit einem Dintentropfen abgemalt.

Um 12 Uhr sank ich in Fantaisie bei Baireut zum Essen nieder. Blühendes, tönendes, schattendes Tal! – Wiege der Frühlingsträume! Geisterinsel des Mondlichts! Und deine Eltern, die Berge, die in dich hereinblicken, sind so reizend wie ihr Kind in seinem Kranz. Fort von der Lust zu der Lust!

Um 6 Uhr sank ich im Seifersdorfer Tale zum Goutieren nieder. Es war schon ein Josaphats-Tal von Schatten; das Abendlicht lief als vergoldetes Leistenwerk um die Berge. Stilles, reiches Tal! du umschliessest, wie ein geschmückter bräutlicher Busen, mit Blumen und Hügeln das Herz eng und süss, und es pocht feuriger im schönen Gefängnis. Fort, fort, der Südost fliegt gerade über Wörlitz.

Mit der Sonne sank ich da in den wechselnden Garten, dessen Aussichten wieder Gärten sind. Da war mir, als gehe die Sonne eben auf; alle Tempel blitzten wie von Morgenlichterfrischender Tau überquoll den Boden, und die Morgenlieder der Lerchen flogen umher. – Lange, sonnentrunkne Perspektiven liefen wie glänzende Rennbahnen der Jugend, wie Himmelswege der Hoffnung hindas goldne Alter des tages, der Morgen, schien meinem schönen Wahne umzukehren. Ach, kein Morgen und keine Jugend stehet von Toten auf ohne eine Nacht. Die langgegliederten Schatten standen wie angelandete Geister der Nacht an den Ufern und überfielen bald die verlassene Welt. Aber ich sehnte mich nach meiner Sonne zurück und stieg wieder auf, um ihr nachzusehen, wie sie hinter die letzten Gebürge fällt. Droben sah ich sie zehnmal und jedesmal schneller untergehen und ich flog immer wieder durch das Abwerfen der Erdenlast vor ihr sterbendes Gesichtauf der ganzen Erdfläche lag schon schwarzer Schlafich gab der Erde den letzten Stein zurück da sah mich tief unter dem Himmel das erloschne Sonnenangesicht recht bedauernd an, als hätt' ich meinen letzten Freudentaumel gehabt28und unversehends begruben es niedrige Wolken oder Berge. Sogleich warf hinter mir der Brocken den letzten falben Rosenkranz des toten Brauttags weg und sah düster in die Welt; und der Himmel wurde zusehends unter meinen Augen mit Sternenflocken weiss überschneiet. "Teresa", rief ich, "dein Abend glüht jetzt heller als dein Morgen! – Meiner ist blass, und der Morgen ist vorbei."

Achte Fahrt

KerkerSelbstdefensionSpöhrScharweber

juristischer Nutzen der Elektrizität

Morgens um 10 Uhr. "Achte Fahrt" schreibe' ich nur, um abzuteilen; denn ich meines Ortes sitze jetzt an einem Ortegestern um diese Zeit trank ich in Lilarfest, wo ich nirgends, dass ich wüsste, hinzufahren vermöchte, ausgenommen zum Teufel etwa.

Freilich will ichs euch erzählenwas soll ich Gescheuteres anfangen? –, so gram ich Millionen bin. Aber warum war ich gestern nicht unsäglich unmässig und stürzte nur Freudenbecher in mich, anstatt mich in Heidelberger Freudenfässer? Denn ich konnte's haben. konnte' ich nicht zu Kinderbällen unter dem Vorsitz der Mädchen-Schulmeister herunterschiessenund auf eine Insel in der Elbe zur Siesteund zum musikalischen Karrenschieber Federle29 unter mirund mitten unter eine heilige Familie auf einer Waldhöhe, wo bunte Shawls an jungen Bäumchen wehten, der alte Vater rauchte und mit den dichterischen Augen auf den Welten des Frühlings lag und die schöne Tochter am wegflatternden Kaffeefeuer blühte und die Mutter über einige muntere kleine Springinsfelder Wache hielt? Aber ich wollte in das sanfte Leben der arkadischen Älpler nicht die Gärung des meinigen giessen. – Wo bin ich? –

Leider hier? Ich flog gestern nachts lange irre und wollte, endlich müde,