1801_Jean_Paul_053_16.txt

Licht auf der ZauberstätteIn der Ferne liefen Pappelreihen vor Lustäusern vorbei, an runden, heitern, mit Wein übersponnenen Bergen flogen Segel hin, und überall zeigte ein durchsichtiger Kastanienwald eine freudige Welt. Ich wurde von dem dunkeln Paradies wie von einem stummen kind angelacht; alles, was unbekannt um mich lag, glich einem alten erinnerten Wiegenliede, nicht einer kunstgärtnerischen Georgika. – So hold und neu! – Gebe nur Gott, sagt' ich, dass ich wieder von dannen fahre, ohn' es von einem gehört zu haben, wie das Land sich schreibt! –

Die Weinberge wurden immer heller unter dem feurigen Morgenduft gefärbt. Ein Mohr in türkischer Kleidung lief über eine grüne Gartenbrücke. Da ich mich jedem Rocke zu begegnen hütete, der eine Erkennung nicht auf dem Teater, sondern des Teaters nach sich ziehen konnte, so wich ich fernen Tritten ins ausländische Buschwerk unter Nachtigallen aus. Endlich trat die Sonne wie ein Musengott in den Morgen und nahm die Erde als ihr Saitenspiel in die Hand und griff in alle saiten.

Ich war ein anderer Mensch, ich küsste den Blüten den Tau lechzend und liebend ab. Da hört' ich italienische Verse munter weggesungen. Eine grosse weibliche Gestalt, glühend wie der Morgen, mit keckem Schritt, dunklem Haare und schwarzem Auge, kam umherblickend und singend über die brücke nach und hatte, wie es schien, den Mohren vorangeschickt. Ich ging auf die glänzende Heldin zu, sie stand sogleich wartend. Welcher Sonne schaute ich geradezu in den Jugendglanz aller Reize! Ich sagte italienisch, ich käme heute vom Brocken und bäte sie, mir alles zu sagen, nur nicht, wie sie oder die Gegend heisse, die ich vor mir sähe. Sie sah messend und lächelnd mich und besonders meinen grünen, römisch umgeworfenen Mantel an: "Ihr seid", sagte sie italienisch, "aus Rom der Maler –?" – "Giannozzo!" sagt' ich. "Giannino?" sagte sie lächelnd. "Der!" sagt' ich27 und machte sie mit meiner Luftfähre bekannt. Ich bat sie ernstaft um ein Frühstück durch den Mohren, um wirklich niemand hier zu sehen und zu hören als sie. Sie befahl ihm französisch, es auf den Pharus zu bringen; "vite," sagte sie, "et ne dis pas qu'oui!"

"Ihr gefallet mir damit," (sagte sie unter dem Ersteigen der aussen laufenden Wendeltreppe des Pharus) "Ihr liebt die Poesie; nichts ausser ihr ist schön, die Jugend ist auch eine." – Ich sagte nur weniges Böse von denen, die aus den Blumen der Poesie immer eine Blutreinigung kochen, und von denen, welche die der Freuden nur wie Lesezeichen in ihre Akten und Handelsbücher legen.

Oben auf dem Pharus schaute man in eine ausgebreitete Welt hinaus, die sich tief in Südosten mit Gebürgen schloss, wahrscheinlich den schweizerischen. Der Mohr brachte mir Wein. Teresadenn einen Taufnamen musst' ich habensprach von der Liebe und von ihren Brautführerinnen, der Malerei und der Musik, so gross und so frei wie wenige Männer. Welch eine schöpferische, gerüstete Zeit zieht daher, welche das grosse, dumpfe Nonnenkloster des weiblichen Geschlechts abbrechen und die finstern Mönchsschleier von den schönsten Augen reissen wird. – Sie blickte oft nach Norden, und ich sah sie dann recht an. Welche schöne, dunkle Augenhalb unter dem sanften Augenlide ruhendgegen die Gewohnheit der schwarzen nur in einem sanften Glänzen bleibend, das weder wuchs noch fiel und das nur ein heller Tau zuweilen dünn überzog! – Sie entdeckte mir offenherzig, wornach sie so nördlich sehe und abweicheihr Geliebter wollte diesen Morgen kommen.

"Liebt nur recht, Schöne," (sagt' ich) "und so recht über alle Beschreibung! Aber gebt mir eine von Ihm!" Ich würde nachher, setzt' ich dazu, einen Pomeranzenzweig mit einer Frucht abreissen und ihr ihn, wenn ich den Geliebten auf meiner Höhe sähe, herabwerfen zum Zeichen. Ihr göttliches Auge glänzte nicht feuriger, nur feuchter. Es war, beschrieb sie ihn, ein rotgekleideter Jüngling auf einem Rappen, mit einem grünen Reitknecht auf einem Schimmel. Ich holte drunten einige mit Gas gefüllte Kügelchen von Goldschlägerhaut und liess sie als Wetterhähne und Leuchtkugeln auffliegen, um den obern Wind über der Windstille zu erforschen. Zum Glücke weht' er sehr südlich und trieb mich der Reitbahn des Jünglings entgegen. Ich sagt' ihr alles. "Nun geht!" sagte sie. Meine Avisfregatte war schnell zum Auslaufen ausgerüstet und hing nur an einem Geländer mit einem darum geschlungenen Kettchen fest. Mein Herz schwamm, berauscht, im Glanze der Schönheit und des romantischen Morgens. "Nehmt Euch doch recht in acht, Giannino!" sagte sie. Ich stieg unter dem stolz aufarbeitenden Bucentauro ein und liess sie das Kettlein lösen. Da zog ich ihr drei Rosen aus der Brust und bückte mich zur Gebückten heraus und flog mit dem Raube eines Flammenkusses von den üppigen, vollen Lippen in den Himmel hinauf. "Addio, caro!"rief sie nach; "addio, carissima!" rief ich herab.

Göttlicher Morgen! Göttliches Weib! Ich schwebte schon in den kalten Monaten der Luft und blickte durch das Glas nach Norden; aber ich entdeckte nichts. Die Teresa stand wie eine Marmorgöttin auf dem Pharus, aber kein Zweig fiel für sie aus der Höhe.

Mit ihren frischen