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Schimmel der Erde das alte nackte Berghaupt. Der Sturm schnaubte um mich und mein flatterndes Schifflein herum und fuhr wild unter die Sterne hinaus und schien sie zu rütteln. Mein Haar bäumte sich wie eine Mähne, aber im Innersten war mir gross und düster, und ich wünschte, jetzt erschiene mir der Teufel, ich fühlte mich so erhaben und kalt wie er. Aber o wie hohl klang mir in der Stille das Leben! – Drunten liegen die müden Wachslarven auf dem Hinterkopf, hier oben steht eine reflektierende auf dem Hals, sagt' ich und griff über mein Gesicht, um solches wie eine Larve abzunehmen und zu besehen. In der Mitternacht dämmerte ein langes Morgenrot und wollte erfreuen; aber ich lachte darüber, dass uns das auch wieder einen flüchtigen Freudenmorgen und Trost vorspiegele; da war mir plötzlich, als sei die ganze Welt und mein Leben in einem Paar Träumen weggetropft, und das Ich sagte zu sich selber: ich bin gewiss der Teufel; schrieb ich nicht vorhin? –

Jetzt packte auf einmal eine seltsame Erscheinung mein ganzes Wesen an. Eine weisse flatternde Figur sprang den Berg herauf. Funfzehn Schritte von mir stand sie still. Die Augen waren geschlossen, das Haar schwarz, die Augenbraunen borstig, die Nase gebogen gross, die arme haarig, die Bärenbrust unbedeckt und derNachtwandler26 im Hemde. Endlich fasst' er dieses am Hexentanzplatz wie eine Schürze mit beiden Händen und fing eine närrische Menuett mit sich selber an; er kehrte sich um, ein schwarzer Schlangenzopf wuchs lang hinab; er fuhr wieder herum und sprang und wollte zärtlich minaudieren. Mir wurde' er so verhasst, dass ich ihn hätte hinunterwerfen mögen. Endlich rannt' er, die arme emporgehoben, davon. Mich schauderte dieses tragisch-komische Konterfei und Fieberbild des Lebens und die äussere Nachäffung meiner Gedanken.

Aber ich konnte nun auf diesem wie ein Alb drükkenden Berge nicht mehr dauern, sondern fuhr in meine Sänfte, schnitt sie los und schwamm ins weite lebendige Nachtmeer hinaus. – –

Siebente Fahrt

Das grosse Bette der Ehrendas weisse Meerdas

anonyme Paradies die romantischen

BekanntschaftenDurchgang des Globen durch

Sonnen

Aber zwischen Himmel und Erde wurde' ich am einsamsten. Ganz allein wie das letzte Leben flog ich über die breite Begräbnisstätte der schlafenden Länder, durch das lange Totenhaus der Erde, wo man den Schlaf hinlegt und wartet, ob er keine Scheinleiche sei. Die grossen Wolken, die unten aufeinanderfolgten, waren der kalte Atem eines bösen Geistes, der in der Finsternis versteckt lag. Ein Hass gegen alles Dasein kroch wie Fieberfrost an mir heran; ich sagte wieder: ich bin gewiss ein böser Geist. Da riss mich ein zweiter Sturm dem ersten weg und schleuderte mich über unbekannte entlaufende Länder fort.

Plötzlich zog ich über eine anmutige Ebene voll zerstreueter Laubbäume, ganz mit Affen des Lebens, mit Körpern bedeckt, die sich wie Mittagsschläfer warmer Länder zum Schlummer ausstreckten. Neben einem Feuer lagen ihre Kleiderda sah ich einen Mann, der einen in seinem arme hängenden Leichnam entkleidete. – – O Hölle, es war dein Boden, es war ein unbegrabnes Schlachtfeld! – Ich warf Steine auf das Ungeheuerich brüllte ihm aus den Lüften: Teufel! Teufel! zuich wurde in einen eiskältern Himmel aufgezuckt – – und der Orkus des Mords floh zurück, und blühende Weinberge flogen daher.

Aber der Erdengreuel hatte durch ein giftiges Fieber meine Herzensmuskeln gelähmt; und ich senkte mich erschöpft tiefer der Wärme entgegen und liess, von Grimm und Wachen matt, die vergeblichen Augen unter ihre Augenlider kriechen.

Wie sonderbar und hold verträumt' ich den äussern Traum! "Von der Stadt Gottes ist wie von Pompeja erst eine Gasse aufgedeckt!" So rief es im Traum; dann wiederholte es bloss sinnlose Worte: PompejaHesperienwarme Blütenwälderwarme Blütenwälderund dunkle Wellen der Lust liefen über mich hinüber.

Ein helles Glänzen weckte mich. Wo wohn' ich? sagt' ich. Ich glitt warm angeweht auf einem unabsehlichen silbernen, aus den zu zartem Schaum geschlagenen Sternen zusammenwallenden Meere weiterein Meer, weich und weiss wie Schneenebel, wie Lichtduftalle Fenster meiner Hütte schimmertenich war ganz erleuchtet. – Ich schiffte in dem über die Nachterde hingedeckten Wolkenhimmel, in dessen Flut der aufgegangne Mond wie ein Schwan mit seinem Glanzgefieder alle Wogen durchstrahlend stand, eh' er herausflog ins Blaue.

Statt wie ein Wasservogel länger über der weissen Fläche wegzustreifen, riss ich meine Luftähne auf und tauchte mich unter in die lichte Flut der zusammenspringenden NaphtaquellenSo ging es selig dahinin der weissen busenwarmen NachtIch wusste nicht, welches Land unter mir grüneIch wühlte mich noch tiefer in den silbernen Dampf- Ein paarmal wälzte sich der Blütenrauch von Gärten heraufEinmal fuhren Waldhörner wie Blitze durchs Gewölk und tanzten nahe vor mir wie Geister in der Luft. – – Lange war es stillWieder klingelte ein Glockenspiel, also aus einer zugedeckten Stadt unter mirDann wurde' es kühlDas Meer zerriss in lange Berge, und weite Spalten schaueten auf die Erde. – –

Ich senkte mich zu den lauten festschwebenden Lerchen hernieder und endlich zu den Nachtigallen in Zweigen und berührte einen unbekannten Boden zwischen schlafenden Blumenbeetenmit Felsen unter Efeuund Orangeblüten weiss, die der Morgenwind statt der Früchte abschütteltemit Rasensitzen, in elysäische Felder hinausgerichtet- und ringendes Morgenrot und Mondlicht durchschnitten einander und vergossen wunderliches