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wie einige Teufel von mehr Herz als Kopf zum Stoff verkörpern willjede Empfindung, auch die allersittlichste, darzustellen zugelassen sein. Ist es nicht unbillig, darum von blossen Darstellungen auf das Herz zu schliessen und den Dichter nicht von dem Menschen abzusondern, da man doch in weit schwierigern Fällen Werke wie das des Petronius (nach Lipsius) lesen und (nach Bayle) sogar schreiben kann ohne den geringsten Einfluss auf das Herz? Sind denn die gebildeten Europäer Nordamerikaner, welche die Träume der Nacht am Tage zu realisieren suchen?

Wo so etwashielte nicht eine so glückliche Scheidewand zwischen Phantasie und Handeln festmehr zu befahren gewesen wäre, das wäre bei den Teologen gewesen, welche aus demselben grund, warum Pomponius Lätus und Hemon de la Fosse24 durch das Bewundern der alten Autoren endlich zu wirklichen Heiden umschlugen und den Göttern opferten, sich täglich in die Gefahr begaben, durch das ewige Lesen und Loben der Bibel und des biblischen Personale und durch den täglichen Umgang mit ersten Christen (vermittelst der Kirchengeschichte) zuletzt die Gesinnungen selber anzunehmen, in denen sie auf Kanzeln und Pulten webten und lebten, und so mit dem nun seit so vielen Jahrhunderten abgereisten ersten Christentum auf einer Retourfuhre zum allgemeinen Erstaunen wiederzukommen; allein die Sachen sind besser abgelaufen, und der eigne Charakter der Exegeten und Kirchenhistoriker hat sich so festzuhalten gewusst, dass bis diese Stunde ein erster Christ überhaupt so selten erscheint als ein Steinbock.

Um auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an unserer vorliegenden Liederkonkordanz zurückzukehren, so ist es eine meiner schönsten Erfahrungen, dass die meisten von ihnensie mögen hier oben empfunden und gesungen haben, was sie wollen –, sobald sie wieder ins Halberstädtische herunter sind, wieder zu sich kommen und ihren armen alten Adam, der wie Antäus oben in der Luft ganz verwelkte und einrunzelte, auf der Erde lustig herausfüttern. Die morganischen Feen der poetischen Bergpredigt fahren gänzlich unten auseinander, wenn die vornehmen Reisenden sich in unsere Antichristenheiten25 zerstreuen und wir ihnen die Reiche der Welt viel anziehender in den Tiefen zeigen können als auf Tempelzinnen. In der Tat sollten Teufel sich mehr bedenken, ehe sie über die Menschen, die doch ihre adoptierten Kinder sind, herfahren und sie für Tugend-Puritaner erklären, bloss weil sich einer und der andere auch in erhabenen Empfindungen im Vorübergehen scherzweise versuchen will. O wie ungerecht! Fressen sie sich denn darum sofort in den Kerl auf immer ein, und zieht er damit wie mit Hitzblattern und Höckern im Halberstädtischen und unter Reussen und Preussen räudig herum? Mir wenigstens sind solche Überbeine des Erhabenen weder in Bordellen, noch Kaffeehäusern, noch Spieltischen an solchen Reisenden zu Händen gekommen. Die Schlange wechselt zwar oft die Haut, aber nie die nützlichen Giftzähne. Die Sache ist: mit den Menschen ist es wie mit den Zibetkatzen; wie diese stets einen von andern geschätzten, ihnen aber verdrüsslichen Zibet in ihrem Beutel hecken, so setzen und häufen jene heimlich in ihrem Herzbeutel einen gewissen Religionsfond an, der drückt und weg muss. Der Holländer zieht alle drei Tage seine eingebauerte Katze am Schwanze ein wenig vor und schöpft mit einem Löffel den kostbaren Fümet-Unrat heraus; gleicherweise tritt von Zeit zu Zeit der Dichter auf das Teater und auf das Papier und sondert sogenannte tugendhafte Empfindungen ab und der Leser mit; darauf wird ihnen wieder ganz leicht, und sie sind nach der Ausschöpfung zu allen Streichen tüchtig. Der Tyrann vergiesset seine Kotzebuischen Tränen in der Frontloge und der Lüstling auf dem Parterre, nachher gehen beide heim, und jener lockt den Untertanen, dieser seiner Herzenskönigin ganz andere ab. Genies sind daher vollends des Teufels lebendig, wie andere es später sind.

Ganz besonders interpunktier' ich hier das bekannte In puncto puncti. Wie Aristoteles vom Epos verlangt, dass es dem untätigen teil desselben den reichsten Sprachschmuck anlege, der weg- bleibt, wo Charaktere und Handlung regieren: so ist da, wo keine Handlung istes sei im Leben oder in der Liebe –, die reichste poetische tugendhafte Diktion nicht nur erlaubt, sondern sogar nötig; und dann muss man weitergehen. Was nun besonders die Weiber betrifft, welche wie der Gott Anubis halb zu den obern, halb zu den untern Göttern gehören: so muss ihnen auch so geopfert werden wie diesem, nämlich doppelt, auf einmal wie jenem weisse und schwarze Hunde; der Mann, der an ihren Altar tritt, muss ein Herz darauf ausbreiten, worin, nach einer richtigen Vermischungsrechnung, Ruchlosigkeit und Sentimentalität in beide Kammern geschickt verteilt sind. Von den Sentimentalen kann nun ein grosser teil auf den Bergen geholt werden.

Mit diesen wenigen, sehr oft abschweifenden Reflexionen hab' ich gegenwärtige Brockenkonzilienakten und Zeugenrotuls der Brocken-Schönheiten den Teufeln übergeben wollen. Ist der Stil oft nicht der beste: so bedenken sie, dass sie selber den heidnischen Orakeln und den christlichen Hexen keinen bessern eingegeben haben, wenn sie nicht gar hier der vielen Lügen wegen wieder die Väter derselben sind. Über die Rapport- und Passagierzettelschreiber in diesem Grundund Lagerbuch sag' ich nichts, da sie selber nichts sagen und sagten. Im Brockenhäuschen.

Ein Teufel.

Ich trat jetzt trübe und wild auf den Brocken heraus. Die Sterne brannten den Himmel hinab und schimmerten um das düstere Gebürge. Der Nebel der alten zeiten tat sich auf, und ich sah darin unten auf der weiten Ebene die unzähligen Scheiterhaufen glühen, welche bloss Unschuldige zernagten. Um mich lagen aufgetürmte Felsenklötze wie Quader niedergebrochner Riesenschlösser; und das Renntiermoos der kalten Zone bedeckte als