1801_Jean_Paul_053_13.txt

läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselbenhier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähetdort werden die Feuersprützen probiertenglische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken ausGräber in neun Dorfschaften werden gehauenWeiber knien am Wege vor Kapellenein Wagen mit weimarschen Komödianten kommtviele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen BrautführernParadeplätze mit Parolen und Musikenhinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilenlange Fähren mit vielen Wagen ziehen unten über breite Ströme und ich oben gleichfalls, aber ohne Fährgeldein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, und ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide können (das kann ich viertehalbtausend Fuss hoch observieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das hundert Fuss tiefe Volk unter sich verwundern und erhebenGartendiebinnen mit Brustavisen stehen in Prangern wie Heilige in Kapellen sehr umrungeneiner auf Knien und hinter der Binde muss drei Kugeln seiner dreifarbigen Kokarde wegen in den Pelz auffangenein für die Kirmess angeputztes Dorf samt vielen nötigen Verkäufern und Käufern dazukatolische Wallfahrten, von schlechtem Gesang begleitetein lachender, trabender Wahnsinniger muss eingefangen werdenfünf Mädchen ringen entsetzlich die hände, ich weiss nicht warumüber hundert Windmühlen heben im Sturm die arme aufdie blühende Erde glänzt, die Sonne brennt aus den Strömen zurück, die muntern Schmetterlinge unten sind nicht zu sehen und die hohen Lerchen nur dünn zu hören, oder ich täusche mich sehrdas Leben hier schweigt und ist gross und droht fastGott weiss, welcher gewaltige böse oder gute Geist hier in dieser stillen Höhe dem Treiben grimmig-grinsend oder weinend-lächelnd zusieht und die Tatzen ausstreckt oder die arme, und ich frage eben nichts nach ihm ....

Da jetzt sich zwei streitende Geier wie Wetterhähne auf meine Rotonda setzten und horsteten: so setzt' ich mich auch als Outside-Passenger21 auf meine Sänfte heraus, mich an den Strick des Schiffes klammernd; allein da ich so im wilden ewigen Szenenwechsel fünf Stunden lang hingefahren war über eine Religion und Landschaft und Reichsstadt nach der andern, über eine Saat von Völkern, wovon wie Blumen das eine um 5 Uhr morgens, das andere um 9 Uhr, das dritte um 2 Uhr zum Tage erwacht und der Sonne aufgeht, oder auch dumm einschläftund als so auf dem langen Farbenklavier des Lebens alle finstere und lichte Farben vor mir laufend aufgehüpfet waren: so wurde mir auf meinem alles zusammenspinnenden Weberschiffe miserabel, leer und wehmütig zumute; ein giftiger Stechapfel von Schmerz, von der Grösse meines Herzens, ritzte meine Brust, und ich niesete sehr nahe am Weinenweinte aber nicht. – – Nein, nein, glaubt nicht, Paternosterschnuren von Welten über mir, dass ich getröstet und weinerlich je aufschauen und sagen werde: ach dort droben! – O das Dortdroben werden auch Siechkobel umschiffen, und die Schiffskapitäne darin werden Kalender genug machen über ihr nur anders verrenktes Personale unter ihnen und werden zur Erde sagen: wahrscheinlich tout comme chez nous!

Ein Mensch wie ichzumal wenn ihm der Sturm die Halsvenen lange zugeschnürt und den Kopf bluttrunken und schläfrig gemachtsteigt lieber und gescheuter in sein Wachtäuschen zurück und schläft den Rausch des Äters aus. Aber närrisch wurde' ich geweckt: die Fregatte war auf einen Felsen gestossenmeine Kajüte war mit goldnem Feuer gefülltdraussen stand eine Finsternis aufrecht. – Ich war am Brokken gestrandet, die schwarze Flut der Nacht schlug an das Gebürge, und die Abendflamme der Sonne schoss über sie streifend aus der Tiefe herauf.

Ich sprang ans Land und knüpfte meinen unruhigen Kutter an das Brockenhäuschen fest. Der Philosoph22 erklär' es, warum mir dieselbe Höhe hier auf dem festen land erhabener erschien als in der Luft. Im Häuschen fand ich einen vergessenen Quartanten vom Brockenbuch, der mich durch die Eitelkeit, Heuchelei und Leerheit der Menschen wieder in meinen gewöhnlichen Grimm und Ekel und dadurch in den Stand setzte, noch so spät eine kurze Vorrede davor auf den leeren Revers des Titelblattes in des Teufels Namen zu schreiben, eines Fakultisten, der, ob er gleich bei seinen Lebzeiten nur anonym in den gelehrten Instituten arbeiten will, doch als der Kurator und Nutritor des gelehrten Deutschlandes und der grösste Polygraph seine anerkannten Verdienste behält.

Imprimatur und Vorrede des Teufels zum

Brockenbuch

Als Zensor hab' ich bloss zu versichern, dass in dieser Reisebeschreibung von mehrern Verfassern, betitelt: das Brockenbuch, nichts vorkommt, was gegen die Ehre und das Interesse meines Obersten, Beelzebubs, laufen könnte, wenn man nicht so unbillig sein will, blosse poetische Gesinnungen für wirkliche zu nehmen. Als Privatgelehrter und Vorredner wünscht' ich einen und den andern meiner Mitteufel auf den vorteilhaftern Standpunkt für dieses Stamm- und Phrasesbuch zu setzen. Vielen von unsund nicht eben den schlechtestenmuss es anfangs wunderlich und anstössig vorkommen, dass gerade in unserem Kirchenstaat, unserem Nonnenkloster und Altare und unserer Kanzel23 so nahe, de- und teistische Gesinnungen im Manuskript frei geäussert werden, Floskeln von Anbetung Gottes, Reinheit der Empfindung, Erhebung über die Welt, kurz die gesalbte Sprache jener noch immer nicht ausgerotteten Puritaner oder Katarer, die bekannter unter dem Namen Religiosisten sind. Allein der Billige erwägt, dass es doch offenbar Dichter oder poetische Prosaiker sind, welche in dieser Liederkonkordanz so sprechen. Die Poesie aber muss frei sein und blosse Form, und es muss ihrwenn man sie nicht