wo ich dieses schreibe, ein wenig auf und verfasse etwas Spöttisches, das ich, wenn ich morgen absichtlich durch mein publikes Ab- und Aufsegeln dem jubel dazwischenkomme, auf den langen Zug herunterwerfen kann, adressiert an den Magistrat des Orts und lautend, wie folgt:
Flüchtiger Plan zu einem Jubiläum des Mülanzer
Galgens
Eine Stadt und ein Galgen sind – nicht bloss topographisch – so nahe aneinander, dass alle Kriminalisten diesen nur für die fernste Pforte und Vorpost derselben ansehen; sein Pilaster-Dreizack ist die trinomische Wurzel der städtischen Sittlichkeit und bildet die drei Staatsinquisitoren, auf denen alles ruht.
Wer einen Galgen sieht, erfreuet sich, weil er weiss, dass eine Stadt sogleich nachkommt nach diesem dreibälkigen Telegraph oder sechseckigen Bierzeichen derselben.
Daher glaubt ein ganz fremder Herr – der morgen schon über die jubelierende Kette hinfährt –, den Anteil, den er am untern jubel nimmt, nicht am schlechtesten dadurch an den Tag zu legen, dass er auch zu einem Jubiläum des Galgens – dieses so nahen Balkenvorsprungs und Heiden-Vorhofs der Jubelstadt – der Orts-Obrigkeit als Andenken folgenden schlechten Vorriss hinterlässet und herunterwirft:
Die Prozession zum Jubelgebäude formiert sich unten am rataus und bricht in folgender Stufenfolge auf: Zuerst gehen die Spezial-Inquisiten, weiss gekleidet und in der von der Realterrition beizubringenden Meinung, man knüpfe sie auf; ja den reifsten kann man wirklich dazu nehmen. – Hinter ihnen kommen sämtliche General-Inquisiten beiderlei Geschlechts; die Hand- und Faustzeichnungen der seit 100 Jahren in effigie Gehangnen hängen ihnen als Medaillons auf der Brust. – An diese schliessen sich an (es soll ihre Ehre nicht versehren) die bisherigen Statisten im Pranger, da dieser von den grössten peinlichen Geistern nie für etwas anderes angesehen wurde als für die Stiftshütte und Sakristei zu dem auf der nordischen Säulenordnung stehenden jubel-Panteon.
dicht hinter ihnen schleichen die Fiskale und Defensores, mit langen Papierrollen in der Hand, gleichsam als wollten die edlen an diesem feierlichen Tage amtieren, nämlich anklagen und verteidigen.
Es wird das Einerlei unterbrechen, wenn zwischen den Statisten und den Advokaten ein Artillerietrain von 300 Festungs-Karren auffährt, worauf die Kriminalakten des Säkulums aufgeschlichtet liegen. Die Bagagewagen können – wenn die Abkunft auszumitteln ist – von den Deszendenten der Kühe gezogen werden, deren Haut sonst über diesen Jubelweg gezogen wurde.
Die malefizische Obrigkeit sehe' ich jetzt dahinziehen. –
Verurteilte Gassenkehrer laufen von Zeit zu Zeit zwischen alle und fegen gewandt – sie wollen den jubel heben.
Nach der Fraisherrschaft erwart' ich das peinliche Offizialat, die maitres des hautes oeuvres und die maitresses – einige alte corpora delicti – Diebsdaumen – zerbrochene Stühle und Bänke – Brecheisen, und was, beim Henker! sonst noch als Attribut etwa schmücken und ergreifen kann. Denn soll ich alles vorreissen, so ist man dumm.
Der Fraisdienerschaft tritt die Schuldienerschaft auf die Ferse – dieser die Geistlichkeit – dieser der Magistrat – und am Ende, was Beine hat und einen Begriff davon, was Galgen-Jubiläen bedeuten. –
Es würde vernünftig und symmetrisch sein, wenn dem vordern abstossenden, aus den Spitzbuben formierten Pole der Jubelsuite hinten einer korrespondieren wollte, der anzöge, aus Hasardspielern gemacht, so dass (wenn ich zierlich reden darf) der lange Jubelstab an beiden Enden magnetisch geschlagen wäre, in der Mitte aber indifferent; allein die Spieler werden nicht aus der Mitte wollen.
Unaufhörlich hört man läuten mit dem Armensünderglöcklein, aber nicht mit allen Glocken.
Langt der Zug am Galgen an: so windet sich die Blumenkette als ein Kränzchen um ihn und nimmt ihn in die Mitte unter unaufhörlichem Rufen: er lebe! Die Stadt-Soldateske gibt drei Salven. Oben zwischen den drei Pfeilern hält auf einer Leiter schon der Galgenpater, der die jubel-Leute längst erwartete, um sie mit folgender Jubelrede zu empfangen, die ihm wahre Ehre macht:
"Teuerste Jubelseelen!
Die wichtige Stätte, wo ich stehe, ist das Tema meiner Kasualrede. Wir haben uns alle versammlet, um die drei Pfeiler, zwischen denen ich rede, als die Eckpfosten unserer Sittlichkeit, als die Karyatiden, welche das Staatsgebäude halten, zu ehren durch ein jubilierendes Betragen. Wie leicht wird uns allen Redlichkeit und achtung des Eigentums durch den täglichen Anblick dieser Hermes-Säulen, dieser führenden Wolken- und Feuersäulen der Kinder Israels! Alle Stadtkirchen scheinen nur die Filiale zu dieser Rotunda mit drei Türmen zu sein, welche, wie eine Zitadelle, für die Stadt und deren allgemeine Sicherheit und Tugend wacht. Bei der ausgebreiteten Begierde, gleich Schwangern zu stehlen, – welche sich auf uns von Kindern und Wilden vererbt – tut uns ein öffentlicher Ort wohl, wo Mumien hängen, die anders als die ägyptischen bei Gastmählern unsere Gesetzprediger und frères terribles sind.
Ja sogar beinharte Seelen, wie solche, die ich an der Spitze des Jubelkondukts marschieren sah, setzen sich in fromme um, wenn sie dieses offne Betaus betreten und da ihre Andacht verrichten. Wenn ich nachher die Matrikel der büssenden Brüder verlese, die seit 100 Jahren hier ihr steilrechtes Erbbegräbnis gesucht und gefunden haben: so wird man nicht sieben finden, die zum Teufel fuhren; alle andere wurden nach den gewöhnlichen kriminalistischen Pönitenzen – ich meine die Ohrenbeichte des Spezialverhörs, das Geisseln (aber von fremder Hand), das Kerzenhalten (auch in fremder) – hier in dieser peinlichen Mission ganz umgekehrt und wiedergeboren, wandten sich auf der Stelle um, schlugen den rechten engen Weg ein, der freilich in wenig Minuten aus war,