, und mich nicht so ganz unbedingt in seinen Willen zu ergeben.
Dem zu Folge ward ihm angekündigt: dass ich heute den vormaligen Chevalier F. kennen zu lernen wünsche. Er hatte mich in dem Tee literaire des Bürger Millin gesehen, und war mir mit ausserordentlicher Höflichkeit zuvorgekommen.
Der Doctor hatte mehreres gegen diesen Vorschlag einzuwenden, schien aber doch zu begreifen: dass es für heute besser sein würde, mir nachzugeben.
Der Chevalier, ein Mann von ohngefehr 40 Jahren, vereinigte die hinreissende Lebhaftigkeit des Franzosen, mit der sanften Gründlichkeit des Deutschen. Er dachte so tief und doch so schön – er handelte so gross und doch so natürlich, dass er sogar dem Witze des Doctors imponirte.
Freilich schien der Officier de santé sich nicht ganz wohl zu befinden, und da er nun gar einen gewissen Herrn Rouillac bemerkte, glich er vollkommen einem Verzweifelnden.
Dieser, ein junger Mann von unerschöpflichem Witze, fiel jetzt ohne Erbarmen über ihn her. Die Wunderkuren des Aesculaps, sein gütiges Vorurteil für die Teaterschönen, seine glückliche Mentorschaft, nichts ward vergessen.
Der Doctor knirschte Flüche zwischen den Zähnen, und schnitt Kratzfüsse; versicherte, dass er sich unendlich amusire; und schielte alle Augenblicke nach der Tür. Endlich erbarmte sich der Chevalier über ihn, und schlug eine Spazierfahrt nach Longchamp vor.
Dieses Longchamp war vormals eine Abtei, und liegt am Ende des Bois de Boulogne. Anfangs hatte die Revolution die Spazierfahrten dahin unterbrochen, aber jetzt schien sie keinen Einfluss mehr darauf zu haben.
Jedermann, der einen neuen Wagen oder ein brillantes Pferdegeschirr bewundern lassen wollte, zog gewiss Longchamp allen andern Vergnügungsorten vor.
In der Tat gewährt es einen intressanten Anblick, auf einer Strecke von beinahe drei viertel Meilen eine unendliche Mannigfaltigkeit von Fahrwerken zu erblicken.
Die unruhige Lebendigkeit der Fahrenden, die freudige Erwartung auf allen Gesichtern, wenn ein Feuerwerk oder irgend etwas ähnliches angekündigt ist, das allgemeine Streben nach einem Ziele, Alles trägt hier zu einem Freuden-Rausche bei, dem man sich willig überlässt.
Es ist bekannt, dass die Teaterdolche sehr stumpf sind. Jetzt erfuhr ich, dass es mit den Wunden, welche die Schülerinnen der Terpsichore schlagen, auch nicht viel zu bedeuten habe. Diese einzige Fahrt nach Longchamp hatte die meinigen der Heilung sehr nahe gebracht. Ich empfahl Mademoiselle Rose den Engeln – ob den schwarzen oder den weissen – kann ich mich nicht genau mehr errinnern – und beschloss an meiner vollkommenen Wiederherstellung auf das kräftigste zu arbeiten.
Siebenter Tag
Eine neue Beschäftigung für mein Herz war ohnstreitig das beste Mittel dazu. Sir Walter gab ein Souper bei seiner Freundin Amelie, und hatte mich dazu eingeladen. Die gelegenheit war erwünscht und durfte nicht unbenutzt vorübergehen.
Ich hatte Mademoiselle Amelie in Longchamp gesehen, und war so ziemlich was man bezaubert zu nennen pflegt. Sir Walter dachte sehr liberal, und wollte überdem in zwei Tagen nach England zurück. Mademoiselle Amelie empfing mich mit Auszeichnung, und tolerirte meinen empfindungsvollen Galimatias mit wahrhaft englischer Geduld.
Ein Heer französischer Helden und anglisirter Adonissen machte mir Platz. Sie schienen, von ihrer Unwürdigkeit durchdrungen, aller Hoffnung auf ewig zu entsagen.
Mademoiselle Rose ward von einer bequemen Eleganz umgeben, aber Mademoiselle Amelie bewohnte einen Feenpallast.
Hier schien alles Geistige versinnlichet, alles Sinnliche vergeistiget. Man fühlte sich mit einemmale der kleinlichen Alltagswelt entrückt, und überliess sich in süsser Betäubung der wonnevollsten Ahnung.
Sir Walter bestimmte mir als seinem presumtiven Erben den nächsten Platz bei seiner Freundin.
Welche leidenschaftlose Ruhe in seinem Betragen! – welche liebenswürdige Leichtigkeit in dem ihrigen! –
Wie so alles ganz anders, als in dem steifen, romantischen Deutschland! –
"Man hatte sich geliebt, so lange man glücklich dadurch war – man hörte auf sich zu lieben, sobald man befürchten musste unglücklich dadurch zu werden."
"Keine Tränen und keine Vorwürfe – keine Dolche und keine Giftbecher."
"Statt zu schwärmen, hatte man vernünftig gerechnet, und es versteht sich von selbst, dass man die Ewigkeit der Liebe nur als Null hatte gelten lassen."
Alle diese Bemerkungen verdankte ich Mademoiselle Ameliens Gesellschafterin. Einer kleinen Brunette, welche zwar nicht überflüssig hübsch; aber vollkommen im stand war Mademoiselle Ameliens Comentatorinn zu werden.
"Bei den Herren Platonikern" – fuhr sie fort – "da ist es gewöhnlich, dass man beständig in den Lüften tront und die göttliche Psyche mit Ambrosia und Nectar speist; aber in unsern prosaischen zeiten würde man nicht weit damit kommen."
"Mademoiselle Amelie hat so gut, wie eine Andere, geschwärmt, aber sie hat sehr bald gesehen, wie wenig den Männern damit gedient war."
"Einem jungen Menschen, der seine Cariere noch zu machen hat, ist eben so wenig als einem Geschäftsmanne, der nur eine augenblickliche Erholung wünscht, an einer unendlichen leidenschaft gelegen."
"Auch gibt es warlich nichts ekelhafteres, als die so hoch gepriesene fidelité à toutes epreuves. Das sitzt gegen einander über und jähnt zum Erbarmen."
"Da ist an keine Abwechslung, an keine erfrischende Nahrung für Geist und Herz zu denken. Einen Tag wie den andern starrt man dieselben Fehler und dieselben Vollkommenheiten an."
"Die Seele ermattet über dem ewigen Einerlei. Man stirbt zehn Jahre früher, als man nötig gehabt hätte, und bildet sich ein: die menschliche Liebe gekannt zu haben, wenn man eine einzige ihrer tausendfältigen Nuancen kaum halb ergründet hat."
"Aber Mademoiselle" – unterbrach ich die kleine Aelster – "