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wieder vorbei."

"Könnte ich ihr nur helfen" – sagte ich dann so für mich hin – "Gott weiss, ich wollte es gerne tun!" – Nun gings an ein Küssen, an ein Streicheln! – Ja das mag der Henker aushalten! Da sind wir Männer geliefert!" –

"Na, und da bin ich denn gekommen, und will für Sie gut sagen, und Sie sollen mir noch heute wieder los."

"Ach lieber onkel!" – rief das kleine Ding, als ich den Sonntagsrock anzog – "kommen Sie nur ja bald wieder! – Wenn ich ihn auch in meinem Leben nicht mehr sehe! und wenn auch die ganze Erbschaft darauf gehet! das tut ja alles nichts!" –

Stumm und tief bewegt hatte ich bis jetzt die Worte des redlichen Mannes gehört; aber nun warf ich mich an seine Brust.

"Mein Vater! mein Erretter!" – rief ich – "sagte sie das? – sagte sie das wirklich?" –

Er wiederhohlte es mir mit einer Beteurung.

"Aber" – fiel ich ein – "so wünscht sie ja nicht mich wieder zu sehen." –

Er. grosser Gott! was könnte ihr denn das helfen? – und wenn sie es auch wünschte; ich würde es nicht leiden.

I c h . Nicht leiden? –

E r . Nein, weil da nie etwas gescheutes herauskommen würde.

Ich sah vor mir nieder und verstummte. Jetzt ward Anstalt zu einem reinlichern Zimmer gemacht. Vor dem folgenden Tage war an keine Befreiung zu denken.

Meines grossmütigen Erretters ganzes Vermögen so aufs Spiel zu setzen, war mir doch ein empörender Gedanke.

Ich bat ihn, einen Zettel an den Chevalier S. mitzunehmen. Diesem edlen mann war die Last minder drückend. – Auch konnte er mehr die Sicherheit beurteilen, welche ich im stand war ihm zu geben.

Noch hatte ich Hülfsquellen in Hamburg; aber freilich lies sich erst nach einigen Monaten etwas davon erwarten.

Die Veränderung des Aufentalts fing jetzt an meine Verzweiflung in Traurigkeit zu verwandeln. Aber Mariens Bild ward um so mehr das herrschende in meiner Seele.

Jetzt erst fühlte ich, was ich hätte sein können und was ich nicht war. Wie sehr ich die besten Jahre meines Lebens verschleudert, und den Genuss nur da gesucht hatte, wo ich ihn nimmermehr finden konnte

"Wohlan!" – rief ich – "so sei es denn! Ich will sie nicht sehen, bis ich ihrer würdig bin! Aber dann lasse ich sie auch von Niemanden mir rauben! Die Vorurteile des Standes sind längst verschwunden. Man kann vornehmer sein, als sie, aber gewiss nicht edler. –

Ohne Hoffnung wollte sie mir alles aufopfern. Welches Weib würde etwas ähnliches für mich tun?

Jetzt trat der Chevalier herein. Sein feines, schönes, menschliches Betragen in diesem traurigen Aufentalte, würde ihm meine ganze Liebe erworben haben, wenn er sie nicht schon gehabt hätte.

Mit zärtlicher Teilnahme ruhte sein grosses, mildes Auge auf mir, und jedes seiner Worte war Balsam für mein verwundetes Herz.

"Nur die geschehenen Dinge" – sagte er – "können wir nicht ändern; aber die ganze Zukunft, mein teurer Sohn! hängt von uns ab. Der Mensch vermag unendlich viel, wenn er w i l l . Lassen Sie uns w o l l e n , und es wird alles noch glücklich sich endigen.

Reue ziemet dem mann nur dann, wenn sie ihn zum mutvollen Kampfe gegen das Schicksal, und gegen seine Leidenschaften begeistert.

Sie haben keinen Vater, ich habe keinen Sohn; – wenn wir beide das Gute lieben, so sind wir verwandt.

laut weinend stürzte ich in seine arme, und tat wiederholt das Gelübde, nie einen andern Willen, als den seinigen zu haben.

"Nein" – sprach der edle Mann – "Sie selbst müssen ihr Schicksal bestimmen. Wollen Sie aber einige Rücksicht auf meine Erfahrung nehmen, so wird es mich freuen.

Ich gestehe Ihnen: dass ich an Ihrer Stelle die Aussichten in Hamburg allen Uebrigen vorziehen würde. Hier in Paris erwarten uns stürmische zeiten. Wahrscheinlich sendet mich die Regierung in kurzem nach Deutschland. Wollen Sie dann mit mir wieder nach Frankreich zurück; so kennen Sie mich nun, und wissen was ich Ihnen sein kann"

"Aber" – fuhr er fort, da ich im Nachdenken vertieft, ihm nicht geantwortet hatte – "Wer ist der Mann, den Sie zu mir schickten? – Er sprach mit einer Teilnahme, die mir auffiel."

Noch zögerte ich, und blickte verlegen vor mir nieder.

"Vielleicht bin ich unbescheiden" – setzte er hinzu – "aber der Mann gefiel mir ausserordetlich."

Diese Worte gaben mir Mut, und ich erzählte ihm Alles, was mir begegnet war.

Jetzt näherte ich mich dem Abende, wo ich Marie neben meinem Bette entdeckte, und nun stieg meine Wärme mit jeder Minute. Ich fühlte, dass er von meiner Schilderung gerührt werden musste, und sah mit innigem Wohlgefallen, dass er es wirklich auch war.

"Sie ist weit über mich erhaben" – fuhr ich fort – "und ich bin ihrer nicht würdig; aber kann ich es denn nicht werden?" –

"Gewiss! lieber Freund!" – antwortete er – "alle andere Ziele des jungen, handelnden Menschen sind minder oder mehr durch die Eitelkeit bezeichnet. Erreicht er sie,