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dem Ermel, ein Fältchen im Tuche. Dann glaubte sie, die gute Alte sitze nicht bequem genug. Oft, wenn sie dem, was die Mutter sagte, ihren Beifall gab, nickte sie unnachahmlich reizend mit dem Köpfchen und streichelte ihr die Wangen.

Ach wie ein tröstender Engel stand sie da. Kaum wagte ich es, die Augen zu ihr zu erheben.

Jetzt hatte die Mutter geendigt, und schien zu erwarten: dass ich nun auch über mich einige Aufschlüsse geben würde.

Aber das konnte freilich nur sehr mangelhaft geschehen. – Eher hätte ich sterben mögen, als in Mariens Gegenwart meiner Ausschweifungen erwähnen. Mein Verlust im Spiele musste alles erklären, und ich eilte jetzt fort, um mich nicht zu verraten.

Als ich vom Weggehen sprach, dünkte mich, Mariens blick weile beinahe traurend auf mir. – Aber dann kehrte er wieder eben so frei und frölich zur Mutter zurück. – Ach sie war zu rein für mich! Meine Hoffnung war eitel! –

So lange ich in ihrer Nähe blieb, vermochte der Kummer nichts über mich; aber jetzt nagte er desto schrecklicher an meinem Herzen. Die Einsamkeit war mir fürchterlich, und ich befahl mit bebender stimme den Doctor zu holen.

Jetzt erst, da ich anfing, ihm meine Lage zu schildern, kam ich zu dem ganzen Gefühl meines Unglücks. Mein eigenes Herz ward durch meine Worte bewegt, und so durch mich selbst hingerissen ward ich erst spät gewahr, dass der Doctor mir kalt und unbeweglich gegenüber stand.

Nun da ich schwieg, zuckte er die Achseln bedauerte unendlich und versicherte: dass er mich schlechterdings nicht verlassen würde, wenn er nicht diesen Augenblick zu einem sehr gefährlichen Kranken eilen müsse. Der erste Kranke, von dem er jemals gesprochen hatte. Ich verstand ihn, alle Täuschung war verschwunden, und ich fiel in dumpfe Verzweiflung auf mein Lager.

Aber bald ward ich schrecklich aus meiner Betäubung geweckt. Der Halsbands-Verkäufer war da und bestand darauf, mich zu sprechen.

"Ich habe gehört," redete er mich an, – "Mylord wird abreisen, und so wollte ich doch nicht unterlassen, ihn an die bewusste Kleinigkeit zu erinnern."

Ich versicherte nun zwar: dass an keine Abreise zu denken wäre. Aber er blieb bei seinem vorgeblichen Glauben, und behauptete jetzt, da ich eine so erwiesene Sache läugne, sich seines Geldes versichern zu müssen.

Was sollte ich tun? – Jene Anweisung des Doctors an die neue Bank war das einzige, was ich hatte. Ich zeigte sie dem Juwelier, und glaubte ihn nun völlig zu beruhigen. Aber mit schallendem Gelächter gab er sie zurück.

"Wenn das Mylords Resourcen alle sind," rief er, "so muss ich von Herzen bedauren! Solcher Pappiere kann ich Ihnen zu tausenden für den funfzigsten teil des Wertes verschaffen. Ich sehe jetzt, wie die Sachen stehen, und empfehle mich zu Gnaden.

Mit diesen Worten schlug er die tür zu, und ich starrte gedankenlos auf den Boden. Da lag ein Pappier; maschinalisch hob ich es auf. Die Addresse lautete an Monsieur Crochu. Ich las folgendes:

"Der deutsche Baron, der deutscheste, den ich jemals gesehenprostituirte sich gestern so sehr auf meinem Balle, dass ich entschlossen bin, den albernen Herrn sobald als möglich zu verabschieden. Und dies um so mehr, da er über einen elenden Verlust im Spiele die Tramontane so ganz und gar verlohr, dass er ohne Abschied und mit wütenden Gebehrden davon lief. Der Doctor hat ihm mit hülfe seiner Bedienten schon ziemlich zur Ader gelassen. Sind seine Kräfte noch nicht völlig erschöpft; so neigen sie sich wenigstens zur Abnahme. Sorgen Sie um Gotteswillen für Ihre Bezahlung, und vergessen Sie nicht Ihre Freundin."

Amelie.

Zwölfter Tag

Welchen Eindruck dieser Brief auf mich machte, lässt sich erraten. Das Opfer einer höllischen Bandeohne Rat, ohne Trost, ohne hülfe, fremd in dieser ungeheuern StadtWas sollte aus mir werden! – Der Tag brach an, und mein Zustand gränzte an Wahnsinn.

Man verlangte mich zu sprechenEine schreckliche Ahnung durchdrang mein Herz. – Vier Männer traten hereinich ward arretirt.

Wie ich aus meiner wohnung, wie ich in das gefängnis gekommen bin? Darnach forsche ich umsonstes ist ganz aus meinem Gedächtniss verschwunden. Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich auf einem Bunde Stroh, von öden triefenden Mauern umgeben. Ich sank zurück und dachte nicht mehr.

Weg über diesen fürchterlichen Tag! – ich kann die Erinnerung nicht tragen.

Dreizehnter Tag

Ich erwachte von einem Gerassel. Es war der Kerkermeister. Mit ihm trat ein grosser Mann in einem blauen Ueberrock herein. Er kam näher – O mein Gott! Mariens Züge in diesem braunen männlichen gesicht! – Der Oheim! Marie schickte ihn her.

"Nun wie gehts Ihnen denn?" sagte er, und schüttelte mir treuherzig die Hand – "Wir haben Sie alle so lieb gewonnenmussten uns doch nach Ihnen erkundigen. grosser Gott! da hörten wir denn die ganze geschichte. Das kleine herzige Ding, die Marie, hat weder gegessen noch getrunken. Das kann ich nun nicht leiden, denn ich liebe sie, wie mein Leben. "Mariechen" – sagte ich – "so iss doch nur en bischen! dann wollte sie sich zwingen, aber mit einemmale stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und mit dem Essen war es