, und ich gestand mir: sie sei eine der glücklichsten, die ich jemals gemacht habe.
Diese Bemerkung setzte mein Blut in einen so philosophischen Umlauf, dass ich schon jetzt über Mademoiselle Ameliens mögliches Aussenbleiben getröstet war.
Gab es doch andere schöne Augen, die mich bemerken konnten. – Ueberdem ging Sir Walters Termin bis Morgen, und es war doch nicht so ganz ausgemacht: ob es heute schon erlaubt sei, auf Mademoiselle Ameliens Blicke Anspruch zu machen.
"Allons vive la philosophie!" – rief ich – indem ich mit meiner eleganten Peitsche ein paar Mahl durch die Luft hieb – "sie ist die Würze des Lebens! und darf nie in etwas anderem bestehen, als dieses so angenehm wie möglich zu machen!" –
"Richtig! Richtig! Monsieur le Baron!" – antwortete Provence – "aber Sie glauben nicht, welche abgeschmackte Begriffe einige Leute von der Annehmlichkeit des Lebens haben." –
"Da war ich voriges Jahr bei einem jungen Schweden, der führte auch denselben Wahlspruch beständig im mund; aber sein Leben – welch ein erbärmlicher Commentar dazu! – Vom frühen Morgen an studirt, – dann ein kleines Mittagsessen, wovon ein Mädchen in einer Schnürbrust hätte satt werden können, – Nachmittags ein Spaziergang mit ein paar Graubärten, wo lauter überirrdische Dinge abgehandelt wurden – dann in eine Abendgesellschaft, wo es nicht viel besser herging – vielleicht alle Jubeljahr einmal in die Oper – aber an ein Souper fin, an eine kleine Intrigue – gar nicht zu denken!" –
"Das ärgerlichste war, dass einige junge Leute, die zu leben verstanden und ihn ein wenig leben lehren wollten, immer mit lachendem mund abgewiesen wurden."
"Vergebens mahlten sie ihm einige Scenen mit den reizendsten Farben – vergebens luden sie ihm ein, wenigstens nur als Zuschauer ihren kleinen Partien beizuwohnen; – er war und blieb unbeweglich."
"Herr Graf" sagte ich manchmal – "Sie werden noch sterben, ohne die Freude gekannt zu haben."
"Ei da sei Gott für!" – lachte er mir dann entgegen – "eben weil ich die Freude so ausserordentlich liebe, kann ich diesen jungen Leuten nicht folgen."
"Es war zum Rasendwerden! – Nachdem er nun so ein Jahr lang hier gelebt, die staubigsten Bücher aller Biblioteken durchblättert, alle Gräser und Würmer gezählt, und seinen Koffer mit des Teufels und seiner Aeltermutter Instrumenten angefüllt hatte – reiste er eben so pausbäckig ab, wie er angekommen war, und tausende hätten sich darauf todtschlagen lassen: dass er nie einen Fuss in Paris gehabt habe." –
Provence hatte wider seinen Willen meine Philosophie etwas erschüttert. Das System des Schweden dünkte mich doch nicht so ganz verwerflich. – Hätten sich nur die augenblicklichen Vorteile des meinigen damit verbinden lassen – wer wüsste, was ich getan haben würde. –
Aber das Wettrennen unterbrach alle diese Zweifel. Es war schon vier Uhr vorbei, und kein Augenblick zu verlieren. Ich warf mich auf mein Pferd, und hatte das Glück, wenigstens keiner der Letzten zu sein.
Jetzt trat unser Braune in die Schranken; dicht hinter ihm sein Nebenbuhler der Schwarze. Beide wurden mit lautem Freudengeschrei bewillkommt.
Schon wollten die Joquais sich auf ihre rücken schwingen, als die braune und die schwarze Partei sich einmütiglich wiedersetzte.
"Lasst die Pferde allein!" – erscholl es von der einen – "Weg mit den Joquais!" – von der andern Seite.
Die kleinen Messieurs sahen sich betroffen an, und wussten nicht wozu sie sich entschliessen sollten, bis sie endlich durch das wiederholte: "Fort! fort mit ihnen!" bewogen wurden, die Rennbahn zu verlassen.
Jetzt ertönte das Zeichen – die Pferde begannen den Lauf. Ah, wie sie flogen! wie das Angst- das Freudengeschrei sie verfolgte. Das Ziel! Das Ziel! es war nahe, der Braune! ach nein! – O Himmel, der Schwarze! der Schwarze! er ist es! ist Sieger! – – Die hundert Louis sind verloren.
Neunter Tag
Hundert Louis weniger, und keinen Genuss. – Das schmerzt. – Aber heute Sir Walters Termin! – Die heilsamen Betrachtungen ein andermal! jetzt ist keine Zeit dazu! Jetzt ist die Hauptsache: so reizend, so liebenswürdig als möglich zu sein! –
Provence sollte mich melden! aber Provence war schon seit zwei Stunden fort, und kam noch immer nicht wieder. –
Endlich trat er herein.
"Nun wie steht es?" – rief ich ihm entgegen, – "bin ich angenommen?"
E r . Nach vielen Schwierigkeiten. –
I c h . Welche Schwierigkeiten? – Sir Walter ist seit diesem Morgen nicht mehr hier.
E r . Richtig! aber man hat Mademoiselle Amelie von andern Seiten brillante Vorschläge getan. –
I c h . So? –
E r . Es gab des Kukuks seine Scherereien, ehe ich nur einmal die Kammerfrau sprechen konnte. – "Mademoiselle sei nicht aufgestanden, – habe Kopfschmerzen, – schreibe Briefe," – lauter Variationen. – Endlich kam sie: – aber so einsilbig, so kalt – mein ganzes savoir faire musste aufgeboten werden, um nur das Notwendigste zu erfahren:
I c h . Nun? –
E r . "Ihre Gebieterinn wolle bis Nachmittag nichts von andern Vorschlägen hören. Dieser Morgen sei Walters Andenken gewidmet. Er habe zu edel gegen sie gehandelt, als dass sie nicht einige Stunden über den gehörigen