1801_Fischer_014_10.txt

wenn man nun wirklich liebt?" –

"Verzeihen Sie mein Herr, aber der Einwurf war etwas deutsch. – Ich sage Ihnen ja: dass man nur liebt, wenn man ein wenig nicht recht gescheut ist."

"O Gott! dieser herrlichen leidenschaft auf ewig entsagen!" –

"Herrlich tant qu'il vous plaira! Zeigen Sie mir Jemand, der vom Morgen bis zum Abend, Jahr aus Jahr ein, liebenswürdig ist, – fügen Sie die Kleinigkeit hinzu, dass ich für diese Liebenswürdigkeit empfänglich bin, halten Sie mich schadlos für den ersten Kuss, für den ersten Händedruck, den ich bei einem freien Herzen hundertmal vervielfältigen kann, und ich werde lieben, dass Ihnen Grausen und Entsetzen ankommen soll."

"Ah Mademoiselle!" – rief ich – "welche Philosophie!"

"Gut für das Teater" – sagte mein Nachbar, ein junger Schweizer; der bis jetzt unserm Gespräch stillschweigend zugehört hatte.

"Das soll wohl gar ein Vorwurf sein" – antwortete Mademoiselle Iris – "aber er ist wider Ihren Willen zu einer Lobrede geworden."

"Wenn ein System dem Orte, der Zeit und den Umständen angemessen istso ist es doch wohl alles, was es sein kann."

"Wollte der Himmel, man könnte von Ihren neuen und alten Philosophemen dasselbe sagen."

"Aber es ist bekannt: dass Ihre Herren Philosophen eben so wenig Zeit haben, sich um diese Kleinigkeiten zu bekümmern, als ihre hochgepriesene Regeln selbst auszuüben."

"Zugegeben Mademoiselle!" – erwiderte der Schweitzer – "wenn nun aber diese guten Leute sich einbilden: dass zeiten und Umstände sich nach ihren Systemen, nicht diese nach jenen sich richten müssen? – Wenn sie Ihnen nun sagen: dass sie sich getrauen, eben so consequent wie Sie, und vielleicht noch ein wenig consequenter zu sein, wenn es darauf ankommt, so angenehme Regeln wie die Ihrigen zu befolgen?"

M a d e m . I r i s . Ach da liegt ja eben das lächerliche! – Sie stecken sich ein Ziel was sie nimmermehr erreichen können!

D e r S c h w e i t z e r . Schon das Annähern, Mademoiselle, ist viel wert. –

M a d e m . I r i s . A la bonne heure! Mein Herr! es gibt Kappen von verschiedenen Farben. über den Geschmack lässt sich nicht streiten. – Ich befinde mich wohl in der Meinigen: und lasse den Herren Philosophen die Ihrige.

Der Schweitzer lächelte und schwieg, die Tafel ward aufgehoben, und Mademoiselle Iris versprach mir beim Abschiede, alles mögliche für mich zu tun.

"Mademoiselle Amelie ist äusserst gewissenhaft" – setzte sie hinzu – "Sir Walters Termin geht bis übermorgen; aber dann können Sie auch eben so zuverlässig, wie er, auf meine Gebieterin rechnen."

Achter Tag

"Sir Walters Termin geht bis übermorgen;" – mit diesem Gedanken schlief ich ein, und mit eben denselben schlug ich die Augen wieder auf.

Noch einen ganzen, schrecklich langen Tag sollte ich warten. – Womit konnte ich ihn ausfüllen? – Der Doctor musste abermals Rat schaffen.

Schon seit mehrern Tagen war die Seine mit Eise und mit der eleganten Welt von Paris bedeckt. Der Doctor schlug für jetzt einen Spaziergang dahin vor, und auf den Nachmittag ein Pferderennen. Man hatte wegen dieses letzteren häufige Wetten unternommen, und versprach sich die angenehmste Unterhaltung.

Im Vorbeigehen fanden wir die Tür der Bürgerin Lisfranc von den reizendsten Pariser Frauenzimmern belagert.

Die Damens wollten alle dem Schlittschuhlaufen beiwohnen, und konnten sich nicht eilig genug das dazu gehörige Costum verschaffen.

"Ja! Ja!" rief ein junger Fremder, der mit uns diese schöne Blumenkette betrachtete – "über gewisse Dinge verstehen die Frauenzimmer keinen Spas! die Französinnen, wenn es auf eine Modephantasie, die Engländerinnen, wenn es auf ihre Tugend, die Deutschen, wenn es auf eine Heirat, die Spanierinnen, wenn es auf Treue und die Italienerinnen, wenn es auf eine Schäferstunde ankommt."

"Nicht wahr, Mademoiselle?" – fragte er eine niedliche Blonde, die so eben ganz metamorphosirt aus den Händen der Bürgerin Lisfranc erschien.

"Ach mein Herr" – antwortete sie – "alles was Sie wollen! aber lassen Sie mich nur um Gotteswillen durch! damit ich nach dem Eise komme!"

In der Tat ein intressanter Anblick. – Jung und Alt hatte sich in Bewegung gesetzt und schien nichts wichtigeres zu kennen, als sich durch Wind und Schneeflocken, nach der geliebten Eisbahn hinzuarbeiten.

Die Bürgerin Lisfranc hatte zwar die Herzen der Schönen durch reizende Jäckchen und Roben aller Art auf das beste verwahrt; aber die Herzen der Männer befanden sich eben deswegen in desto grösserer Gefahr.

Ohne Zweifel ging manches an diesem merkwürdigen Tage verlohren, und die Bürgerin Lisfranc muss es erwarten, deswegen in Anspruch genommen zu werden.

Ich war für heute noch ziemlich ohne Schaden davon gekommen. Ob ich aber dieses meiner eigenen Vorsicht oder dem beseligenden Uebermorgen verdankte, kann ich nicht völlig entscheiden.

Jetzt musste die Nachmittags-Toilette besorgt werden. Ich wollte zwar nicht um den Preis ringen, aber doch an einer Wette teil nehmen.

Hierzu war es nötig, auf einem gut gebauten Pferde und in einem geschmackvollen Kollete zu erscheinen. Mademoiselle Amelie konnte gegenwärtig sein, und es war um so wichtiger, mit Wohlgefallen von ihr bemerkt zu werden.

Meine Toilette war geendigt