Caroline Auguste Fischer
Vierzehn Tage in Paris
Von dem Verfasser von
Gustavs Verirrungen
Es gibt verschiedene Wege nach Paris. – Wenn diese kleine Posse vor demjenigen warnen kann, den man schlechterdings nicht wählen muss, wenn man wohlbehalten zurückkehren will: so hat sie alles geleistet, was sie leisten soll.
Einleitung
Mein Vater – ein hamburgischer Kaufmann – hatte ein ungeheures Vermögen in dem dänischen Actienhandel erworben.
Er liess sich baronisiren, und wiederholte mir alle Tage, wie viele schlaflose Nächte es ihm gekostet habe, mir diesen Vorzug zu erwerben.
Ich war auch nicht unempfindlich dagegen; aber die ewigen Klagen über meine kleinen Ausschweifungen, wodurch ich ja eigentlich meinen Adel bestätigte – machten mir den teuer erkauften Titel sehr bald zuwider.
Der alte Baron starb, und der Junge eilte nun sich zu beweisen, dass er uneingeschränkter Herr seines Vermögens und seiner Gesundheit sei.
Aber Hamburg! – welch ein kleinlicher Schauplatz für einen solchen Tätigkeitstrieb! – Jeden Augenblick eine spitzige Frau Baase – ein wohlbeleibter Herr Gevatter! – Alle Erinnerungen an die gewaltige Kluft, welche das Baronat zwischen uns befestiget hatte – Was helfen sie? Wenn jeder Schmaus sie vergessen machen konnte! – –
"Nein!" – rief ich – "hier werde ich nimmermehr mündig! – Wohlan, heraus aus den dumpfigen vier Pfählen! In diesem elenden Winkel kann man ja nicht einmal mit Ehren sein Geld los werden!" –
"Aber wohin? – wohin? ist das noch eine Frage! – nach Paris! nach Paris! dem Sammelplatze alles Schönen und Grossen! Ah da werde ich erst anfangen zu leben! Da werde ich erst wissen, was Freiheit ist!" –
Gesagt, getan! Mit vielem Gelde und einigen guten Worten kommt man sehr bald, wohin man will. Ich erwachte eines Morgens und – o der unsäglichen Wonne! – ich erwachte in Paris! – –
Erster Tag
Eine Art von Gebrüll – mich dünkte es die lieblichste Musik – hatte mich schon um 8 Uhr geweckt.
Ich eilte ans Fenster um meine Augen an den interessanten Urhebern dieser kraftvollen Töne zu weiden, und entdeckte zu meiner innigsten Freude einen Trupp junger Conscribirter, welche zum besten der Freiheit ihre Lungen auf das Uneigennützigste angriffen.
Ich konnte mich nicht entalten etwas zur Vollstimmigkeit des Chores beizutragen, und ward durch den Beifall der Amazoninnen des Zuges für meine Anstrengung hinlänglich belohnt.
Aber jetzt trat Herr Lamare, der Wirt des Hotels, herein, um die Befehle des Citoyen Baron zu vernehmen, und um ihm einen Citoyen Laquais vorzustellen, der als ein Muster von Treue und Geschicklichkeit berühmt war.
Die Treue des Citoyen Laquais mogte um so verdienstlicher sein, da sie ihm nichts weniger als leicht zu werden schien.
Ich würde damals schon diese Bemerkung gemacht haben, wenn mich nicht die Anrede: "Mylord anglois!" plötzlich überzeugt hätte, dass ich mich und meine Garderobe keinem liebenswürdigerem mann, als dem Citoyen Provence, anvertrauen könne.
Er beurlaubte sich mit einem Entrechat, um sein neues Amt sogleich anzutreten, und der Citoyen Lamare hatte die Güte, noch etwas bei mir zu verweilen, um mich durch wiederholte "que Dieu me damne!" zu versichern; dass er mich eben so, wie der Citoyen Laquais, für einen englischen Lord gehalten habe.
"Grade deswegen wären mir die besten Zimmer zu dem sehr billigen Preise von 40 Louisdo'r monatlich eingeräumt worden. Der Lord schwebe ihm noch immer auf der Zunge, und bloss die unendliche achtung vor meinen Befehlen dränge ihn zurück."
"Ich bekenne – setzte er hinzu – dass ich von jeher, trotz meines Patriotismus, ein unbeschreibliches Foible für die deutsche und englische Nation gehabt habe."
"Gott soll mich verdammen, wo mir nicht ein einziger solider Fluch d'une telle ame noble lieber ist, als alle leeren Caressen der andern misère."
"Nein, ich werde es mir stets zur Pflicht machen, diese liebenswürdige Jugend auf das redlichste zu bedienen, und habe daher auch den berühmtesten Officier de Sante an mein Haus attachirt."
"Der Citoyen Ramy wird noch heute die Ehre haben Ihnen aufzuwarten, und ich bin überzeugt, dass seine mannichfaltigen Talente von ausserordentlichem Nutzen für Sie sein werden."
Ich versicherte nun zwar, "dass ich mich vollkommen wohl befände," – aber der Citoyen Lamare beteuerte: dass man in dieser Stadt nicht vorsichtig genug sein könne.
Während er noch beschäftigt war, mir die Gefahren, denen ich mich aussetzen würde, zu schildern, trat der Citoyen Ramy mit einer Zuversicht herein, die alle meine Zweifel verstummen machte.
Diese Zuversicht war um so notwendiger, da er, wie so mancher grosser Mann, dem Anstande und der Figur nach, sehr leicht mit einem Marktschreier hätte verwechselt werden können.
Nachdem er den Citoyen Baron, in der Hauptstadt der Welt, auf das lauteste bewillkommt hatte, ermahnte er den Citoyen Lamare sich des Glückes würdig zu machen, einen so liebenswürdigen jungen Mann zu bewirten.
Man kennt mich hier schon – fuhr er fort, nachdem er den Herrn Wirt durch ein Zeichen entfernt hatte, – und weiss, dass ich über gewisse Dinge keinen Spas verstehe. Wird der Citoyen Baron nicht gehörig bedient, so hat er sich deswegen nur an mich zu wenden."
"Nun, wie stehet es denn mit unsern Adressen, Bekanntschaften, u. s. weiter? – indem er sich sehr bequem auf ein Sopha niederliess – hat man Sie guten Häusern empfohlen?