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an! überdem finde ich dort eine Menge Bekannte, und kann bei der gelegenheit am besten eine Auswahl treffen."

Da war ich denn mitten unter einem Haufen geschminkter und ungeschminkter Schönen. – Ach, ich suchte ein Mariengesicht, aber es war nicht zu finden. Nackte arme, zur Schau ausgestellte Busen, übermässig zärtliche Augen. – Das alles wirkte freilich auf meine Sinne, aber mein Herz fühlte sich dennoch verwaist.

Indem nun Sinnlichkeit und Schmerz sich meiner abwechselnd bemeisterten; fiel es mir auf, dass Alt und Jung, sobald der Tanz geendigt war, nur immer nach einer Seite des Zimmers hinströmte.

Neugierig drängte ich mich vor, die Ursache davon zu entdecken, und wurde zu meinem grössesten Erstaunen, mitten in einem Zirkel von jungen Männern und blühenden Mädchen eine person gewahr, welche weder schön noch jung und beinahe in ein sehr einfaches graues Kleid verhüllt war.

"Unbegreiflich!" – sagte ich zu meinem Nachbarwegen dieser person drängt sich alles dahin! –

E r . Sehr begreiflich; wenn man sie kennt.

I c h . Aber wer ist sie denn?

E r . Die Tochter des berühmten R.

I c h . Mein Gott, die Freundinn meiner Tunte! ich habe ein Empfehlungsschreiben an sie; aus Furche habe ich es noch nicht abgegeben.

E r . Wovor fürchten Sie sich denn?

I c h . Himmel, eine alte Jungfer! –

E r . Ja, aber was für Eine! –

I c h . Wahrhaftig, Sie könnten mich neugierig machen! –

E r . Das wünsche ich um Ihrentwillen.

I c h . Wohl gar eine Gelehrte?

E r . Freilich, wenn Sie es so nennen wollen. Doch wenn Sie selbst kein Gelehrter sind; so können Sie Jahre lang mit ihr umgehen, ohne etwas davon gewahr zu werden.

I c h . Nun, das nenne ich mir ein Wunder!

E r . In der Tat, ein Wunder von Sanftmut, Bescheidenheit und überschwenglicher Herzensgüte.

I c h . Sie werden ja recht warm.

E r . So wie jeder, der von ihr spricht.

I c h . Aber wie konnte diese person unverheuratet bleiben?

E r . Ihr Bräutigam starb; und nachher hat sie sich zu keiner Verbindung wieder entschliessen können. Aber was fehlt Ihnen? Sie werden blas.

"Wahrscheinlich die eingeschlossene Luft" – sagte ich stotternd und eilte nach haus.

"Ach Unglückliche!" – rief ich – "so fandest du nie wieder, was du verlorst! und doch hast du das Leben ertragen. Dich muss ich kennen lernen!"

Viertes Kapitel

Den folgenden Tag liess ich mich bei ihr melden und ward, zu meiner grossen Freude, sogleich angenommen. Kaum hatten wir eine halbe Stunde mit einander gesprochen; so war mir, als hätten wir uns Jahre lang gekannt, und als könne ich ihr die geheimsten Empfindungen meines Herzens entdecken.

Ihr schönes offnes Auge schien lange gewöhnt, über den Kummer dieser Erde hinwegzublicken, und in ihrem gesicht herrschte eine Ruhe, welche unmerklich in die Seele des Andern überging.

In allem was sie sagte, lag ein so grosser, schöner Sinn, den man aber erst lange nachher entdeckte, wenn sie wieder geschwiegen hatte. In dem Augenblicke wo sie sprach, schien sie bei ihrem äusserst einfachen Wesen, etwas ganz gewöhnliches zu sagen. Man kann denken, ob ich sie ungern verliess. –

Ich hatte sie um die erlaubnis gebeten, sie wieder zu sehen, und sie hatte sie mir in einem Tone gegeben, der sehr deutlich verriet, wie weit sie sich über die Jahre hinausglaubte, wo Mangel an Zurückhaltung gefährlich werden kann.

In der Tat nutzte ich jetzt diese erlaubnis auf das Aeusserste; es verging kein Tag, wo ich sie nicht wenigstens einmal sah, und bald ward es mir zum süssen Bedürfniss, ihr alle meine Gedanken und Empfindungen mitzuteilen.

Stundenlang unterhielten wir uns von Marie, und von allem was ich gehoft und gelitten hatte. Ach, so wie s i e mich verstand; konnte mich Heinrich nimmermehr verstehen. – Nein! dieses gänzliche Dahingeben in ein fremdes Interesse vermag kein Mann von sich zucrzwingen.

Mein bitterer, verschlossener Gram sing endlich an, sich immermehr in zärtliche Wehmut zu verwandeln; aber die leidenschaft hatte meinen Körper schon zu sehr erschüttert: und ich fühlte bestimmt, dass ich einer ernstlichen Krankheit nicht entgehen würde.

"Wenn ich krank werde" – sagte ich zu Sophien – "so bleibe ich bei Ihnen. Nicht wahr? Sie verstossen mich nicht?" –

Sie antwortete mir mit einem guterzigen Lächeln; und dachte freilich nicht, dass dieser Fall jemals kommen würde.

Aber als wir eines Abends im traulichen gespräche neben einander sassen, überfiel mich plötzlich ein Schwindel, und als ich das Bewusstsein wieder erhielt, fand ich mich auf einem Bette, in einem unbekannten Zimmer, Sophie und den Arzt an meiner Seite.

Fünftes Kapitel

"Wo bin ich?" – rief ich aus – "was für ein Zimmer ist das?"

"Das Schlafzimmer von Mlle. R." – sagte der Arzt – "was Sie auch sobald noch nicht verlassen werden."

"Glauben Sie wirklich?" – fragte Sophie errötend. –

"Dass unter vierzehn Tagen an keine Veränderung zu denken ist" – antwortete der Arzt. "Ich müsste mich sehr irren oder die Masern sind im Anzuge, und Ihre Frau Tante hat mir Ihre Gesundheit