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Marie! ich heisse Gustav. – Sie lächeln? – o Marie! ein einziges Mal, nur ein einziges Mal sagen Sie: Gustav ich hasse dich nicht – – Marie hassen Sie mich? – Marie! Marie! können Sie mich lieben? – –

"Meine Mutter ist aufgestanden" – rief sie erschrocken – "Ihre Fenster sind offen. – O mein Gott! warum bin ich hier her gekommen!

"Bereuen Sie es Marie?" sagte ich, indem ich ängstlich ihre Hand ergriff – o Marie! nur das einzige Wort! – Wer weiss ob wir uns wieder sehenMarie! bereuen Sie es? –

Sie schwiegaber noch eine Secunde und alles war verwandelt. – Dieser blick! dieser Händedruck! – sie war fort, aber der Himmel blieb in meinem Herzen.

Heinrich kam mir mit Vorwürfen entgegen. In einer andern Stimmung würden sie mich aufgebracht habenJetzt aber liess ich ihn gelassen fort reden. Erst lange nachdem er mir mehrmals die wahrscheinlichen Folgen meiner Unvorsichtigkeit vorgestellt hatte; fing ich an mein Unglück zu begreifen.

Aber es wirkte nur auf meinen Verstand, mein Herz war noch immer voll Entzücken.

"S i e l i e b t d i c h !" war mein letzter Gedanke, an diesem traurig - schönen Tage – s i e l i e b t d i c h ! war mein Erster am folgenden Morgen beim Erwachen.

Zwölftes Kapitel

Als ich mich den andern Morgen nach einer durchwachten Nacht, wieder auf den Weg zu meiner Eiche machte: kam mir Heinrich mit einem blassen und verstöhrten Gesicht entgegen.

"Was ist dir?" – fragte ich; und zitterte vor der Antwort.

E r . Marie ist krank.

I c h . Woher weisst Du das?

E r . Die Mutter hat es mir gesagt. Auch ist der Reisewagen reparirt und eine Menge Briefe geschrieben worden.

I c h . Wohin?

E r . Zwei nach England, einer nach Hamburg, die Andern? ..... habe ich vergessen.

I c h . O mein Gott!

E r . Sie sind zu rasch gewesen. –

I c h . Konnte ich anders!

E r . Ja aber nun – –

I c h . Ach Heinrich hilf mir!

E r . Gern! gern! aber w i e ? – wer kann sie halten? – sie sind frei, und man versprach ihnen einen ruhigen Aufentalt.

I c h . Heinrich ich muss sie sehen!

E r . Wen?

I c h . Wenigstens die Mutter.

E r . Ich will mein Möglichstes tun: aber ich zweifle.

Er ging, und kam mit der Antwort zurück: e s s e y h e u t e u n m ö g l i c h . "Aber morgen" – rief ich. – "Auf morgensagte erhabe man weder ab noch zusagen wollen."

I c h . Und Marie?

E r . Hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen.

"Meine Flöte"! – rief ichmeine verdammte Flöte ist an Allem Schuld! und jetzt würde ich sie an einem Baume zerschmettert haben, wenn sie mir Heinrich nicht entrissen hätte.

Gieb mir sie wiedersagte ich wehmütig; indem ich mich unter meine Eiche warfgieb mir sie wieder! ich liebe sie doch noch: denn nur s i e kann sagen was ich leide.

Er gab sie mir; aber ich vermochte keinen Ton heraus zu bringen. Ach! kann der höchste Schmerz noch klagen! – –

Heinrich bezeigte mir sein Mitleid; aber es rührte mich nicht. In Wehmut versunken, sass ich an meine Eiche gelehnt, die Augen unverwandt auf Mariens Fenster gerichtet.

"Es kann nicht schlimmer werden als es schon ist"! – rief ich endlich; indem ich mich aufrafte. Wenigstens will ich sie noch einmal sehen! werde daraus was da wolle! –

Jetzt war ich an Mariens Fenster. Ich wusste dass es sich nach innen öffnete. Mit einer Art von Verzweiflung stiess ich dagegen. Es musste nicht recht geschlossen gewesen sein; denn es sprang augenblicklich auf, und Marie fiel mit einer Ausrufung des Schreckens in ihren Sessel zurück.

Sie hatte geschrieben, und ihre Augen waren rot von Weinen.

"Ach Marie"! – sagte ich; und streckte meine arme sehnsuchtsvoll nach ihr aus. –

"Meine Mutter"! – antwortete sie mit halb erstickter stimme.

I c h . Marie! werden Sie reisen?

S i e . Ich fürchte es.

I c h . Werden wir uns wiedersehen?

S i e . Ach Gott!

I c h . Marie haben Sie mir nichts zu geben? – haben Sie kein Andenken für mich? –

Sie stand auf und schien sich dem Fenster nähern zu wollen; aber plötzlich trat sie zurück, und eine hohe Röte überzog ihre Wangen.

"Marie!" – sagte ichwarum gehen Sie zurück? – wollen Sie mich noch unglücklicher machen? – wollen Sie mich aufs Aeusserste brinaen? –

Blass und erschrocken näherte sie sich jetzt dem Fenster. Ich bedeckte ihre Hand mit brennenden Küssen; und beschwor sie: ihre Abreise wenigstens um einige Tage zu verzögern; als plötzlich ein Geräusch an ihrer tür entstand. "Ein Andenken Marie!" – rief ich; und Liebe und Verzweiflung kämpften in meinem Herzen. "Ein