Abend entgegen. Mit einem Sprunge war ich aus Mariens Fenster, über den Bach, und schnell bis zum äussersten Gipfel meiner Eiche hinauf.
Der Wagen hielt, Heinrich öffnete den Schlag, und – o Gott, wie ward mir! – umfasste Marie mit einer unerhörten Dreistigkeit, und hob sie, wie im Triumphe, aus den Wagen.
"Wer ist er, mein Freund?" – fragte Mariens Begleiterin, und Mariens Auge ruhte auf der herkulischen Gestalt. – Ach, wie mir der Gedanke das Herz zerriss! er war doch noch männlich schöner, als ich – freilich auch ein Jahr älter. –
"Ich bin des Pachters Sohn," – antwortete er mit einem Anstande, der mich zur Verzweiflung brachte, – "der junge Herr und ich wir sind Milchbrüder, und nun soll ich ihn begleiten, wenn er auf Reisen geht. Sollte noch irgend etwas fehlen," – fuhr er fort, indem er die Haustür öffnete – "so will ich bitten, dass ihr Gnaden mich mit Ihren Befehlen beehren: es wird augenblicklich herbeigeschafft werden."
Jetzt waren sie im haus, und jetzt kochte mein Blut. Wie viel kostete es mich auf meiner Eiche den Augenblick abzuwarten, wo Marie in ihr Zimmer treten würde! – ach, ein Augenblick, nach dem ich so lange geschmachtet hatte. Endlich öffnete sich die Tür, und – sollte ich meinen Augen trauen! – nur Marie und Heinrich traten herein, und sogleich schloss sich die tür wieder.
Mariens blick fiel zuerst auf einen grossen Rosenstrauch, den ich auf ihren Tisch hatte setzen lassen. Sogleich pflückte Heinrich die schönste Rose davon ab. "Ach, Schade!" – rief Marie. "Schade?" – wiederholte Heinrich – indem er ihr die Blume anbot – "o mein Gott! was wäre wohl Schade!" – und seine grossen, brennenden Augen vollendeten die Ausrufung.
Jetzt trat das andere Frauenzimmer in die Tür, und jetzt konnte ich mich nicht mehr halten. Unvermerkt sprang ich vom Baume, und eilte den Verräter – so nannte ich ihn in meinem Herzen – aufzusuchen, und ihn augenblicklich zur Rede zu stellen.
Neuntes Kapitel
"Hier her!" – sagte ich im gebieterischen Tone, als er um die andere Ecke des Gartens biegen wollte – "wer hat dir erlaubt, in Mariens Zimmer zu treten?"
E r . Ihre Tante.
I c h . Das ist eine Lüge!
E r . – Indem er mich mitleidig ansah – "Meinen Sie mich?"
I c h . "Dich!" – sagte ich – und griff an den Hirschfänger.
E r . Wollen Sie hauen oder schlagen? – beides wäre lächerlich; denn ich wette, Sie wissen nicht warum.
I c h . "Bube!" – rief ich, und jetzt flog der Hirschfänger aus der Scheide. – "Bube, ich werde!" –
"Was wirst du, Gustav?" – wiederholte er, indem er ruhig vor mich hin trat – und plötzlich fiel mir die grosse Narbe in die Augen, die er davon trug, als er mich – ich war damals zehn Jahr alt – vom Pferde riss, in dem Augenblicke, da ich in Gefahr war, geschleift zu werden.
"Was wirst du?" – fragte er noch einmal – und ich lag in seinen Armen.
Nein, ich war nicht böse! – verzärtelt, verzogen, heftig, aufbrausend war ich; keinen Widerspruch konnte ich dulden: darum hatte man auch Heinrich schon vor drei Jahren aus der Gegend entfernt. Aber jetzt, da er, mit so mannichfaltigen Kenntnissen bereichert, zurückkehrte, so fest und doch so sanft, so männlich und doch so kindlich sich anschliessend – jetzt musste ich ihn lieben.
"Ach, Heinrich!" – sagte ich, und drückte ihn fest an meine Brust – "Heinrich! was denkst du von Marien?" –
E r . Dass sie ein Engel ist, und dass ich sie haben müsste, wenn ich sie bekommen könnte, und wenn du sie nicht schon hättest.
I c h . Ach, Gott! ich habe sie noch nicht!
E r . Geduld! Geduld! es wird alles gut werden.
I c h . Ja; aber wann? –
E r . Nun das weiss man freilich nicht; aber sei nur ruhig: ich glaube wirklich, sie liebt dich.
"Heinrich," – rief ich, und erstickte ihn fast mit meinen Küssen – "woher glaubst du das? woher vermutest du das?
E r . Ei nun, das lässt sich nicht gut sagen! genug – das war nicht zu verkennen – ihr Auge suchte etwas, was es nicht fand – sie war unruhig, und wollte es verbergen. – Nun? warum denn mit einem Male wieder so tiefsinnig?
I c h . Aber Heinrich, du gabst ihr doch die Rose – warum tatest du das?
E r . Ei, mein Gott! weil ich es nicht lassen konnte.
"O Heinrich!" – rief ich erschrocken – "also tust du doch manchmal etwas bloss weil du es nicht lassen kannst!" –
E r . Allerdings! alles Unschuldige, alles, was weder mir noch andern schaden kann, tue ich ohne Bedenken, wenn mich meine Neigung dazu treibt. Oder – wie ich vorhin so leichtfertig weg sagte – wenn ich es nicht lassen kann