, und wenn sie dies nicht annehmen wollte, einen sehr angenehmen Meierhof an, der eine Viertelstunde davon entfernt lag. Noch vor Tagesanbruch ward ein Bote mit diesem Schreiben abgeschickt, und mit einem Herzklopfen, das mir fast den Atem benahm, hörte ich ihn vom hof reiten. "Ach!" – dachte ich – "welch eine Antwort wird er dir bringen?"
Sechstes Kapitel
"Wird es denn nimmermehr Tag werden!" – rief ich aus – indem ich die tür des Balkons auseinander schlug und mich trotzig – als müsse die Sonne meinen Befehlen gehorchen – auf das eiserne Gitter lehnte. Aber ach! noch verweilte die Sonne! – noch war kein Bote zu hören. Halb vier Uhr war er weggeritten, jetzt repetirte meine Uhr – wie? sollte sie unrecht gehen? – erst v i e r !! – ach! das begriff ich nun wohl: vor einer Stunde war keine Antwort zu hoffen.
Unmutsvoll streckte ich mich auf das Sopha, und der junge Despot, welcher vor einigen Augenblicken der Sonne gebieten wollte; lag nun bald vom Schlummer überwunden, seiner Stärke, wie seiner Schwäche sich nicht mehr bewusst.
Als ich erwachte, sah ich meine Tante mit einem offnen Briefe an meiner Seite sitzen.
"Sie haben?" – fragte ich – und streckte die Hand zitternd nach dem Briefe aus. –
"Ja, sie haben es angenommen" – fiel meine Tante ein – "aber mit einer Bedingung."
"O alle mögliche! alle mögliche Bedingungen" – rief ich, und sprang vom Sopha auf.
D i e T a n t e . Es wird dir schwer werden, lieber Gustav – aber es ist nun einmal nicht anders.
I c h . Was? um Gottes willen! was wird mir schwer werden?
S i e . Sie nicht zu sehen.
I c h . Sie nicht zu sehen! – wie, haben Sie recht gelesen? sieht das da?
S i e . Lies selbst. Wie ich dir sage: nur unter dieser Bedingung.
"Ach ich bin verloren! ich bin ein unglücklicher Mensch!" – Mit diesen Ausrufungen übertäubte ich jetzt alle Trostgründe meiner Tante.
Doch endlich legte sich der Sturm, ich fing an mich zu sammeln, und sah nun freilich wohl ein: dass meine Lage bei weitem nicht so hoffnungslos war; als sie es anfangs geschienen hatte, dass sich noch mancher bedeutender Vorteil von Mariens Nähe ziehen liesse, und dass es nichts weniger als unmöglich sein würde, sie zu sehen; ohne von ihr gesehen zu werden.
Das unterscheidentste Kennzeichen der e r s t e n , so wie der w a h r e n Liebe – vielleicht sind diese beiden Worte gleichbedeutend – ist G e n ü g s a m k e i t . Es bedurfte nichts als die Hoffnung, Marien sehen und beobachten zu können; um den schwärzesten Unmut durch die beseeligendste Phantasie zu verdrängen.
Den folgenden Abend wollten die Frauenzimmer nach dem Pachtergütchen abgehen: ich eilte daher, mich noch zuvor an dem Anblicke der Zimmer zu laben, welche nun bald alle meine Wünsche in sich schliessen sollten. Meine Tante machte alle Vorkehrungen zur Einrichtung des kleinen Hauses: aber ob ich gleich jetzt zum ersten Mahl etwas der Dankbarkeit ähnliches für sie empfand; so war es mir dennoch nicht möglich, meine Begierde bis zu ihrer Abreise bezähmen zu können, und ich sprengte vom hof, noch ehe ihr Wagen vorgefahren war.
Siebentes Kapitel
"Die kammer linker Hand," hatte mir meine Tante gesagt. Jetzt stand ich in der kammer.
Ach, Marie sollte sie bewohnen! – hier ein Clavier, dort ein Sopha, gegenüber ein grünes, seidnes Bettchen. Lange schon hatte ich es mit trunknem Auge betrachtet – endlich wagte ich es, mich zu nähern, die Vorhänge zu öffnen, und – plötzlich von einer Menge unbekannter Empfindungen ergriffen – sank ich mit einem Strohme von Tränen darauf hin.
Ach, welche Tränen! – gehörten sie dem Schmerze? dem Entzücken? – Ihr, die ihr die wahre Liebe kanntet, ihr mögt entscheiden.
Das Geräusch eines Wagens weckte mich endlich aus meinem Taumel. Es war meine Tante, die, mit einer wirklich rührenden Sorgfalt nun alles anwendete, das einfache Häuschen zu einem kleinen Elysium umzubilden.
Indessen durchlief ich das ganze Gebiet, umarmte den Pachter, seine Frau, und alles, was mir in den Weg kam, beschenkte die Kinder, liebkosete dem Hunde, lachte und weinte, fragte, und hörte keine einzige Antwort. Ach, ich war glücklich, unaussprechlich glücklich! was kann man mehr sein? –
Aber nun kam es darauf an, einen Ort aufzufinden, von welchem aus ich Marie beobachten könnte. Nach langem Suchen fiel meine Wahl auf eine grosse dickbelaubte Eiche, Mariens Zimmer gegen über. Zwar trennte sie ein Bach von dem Häuschen, aber ich konnte von ihrem Gipfel den Garten und beinahe das ganze Gütchen übersehen.
Mehr als einmal bestieg ich sie, und berauschte mich in der reinen Lust, die ihre Zweige belebte. Je höher ich stieg, desto mehr schienen sich meine Empfindungen zu läutern, desto ruhiger klopfte mein Herz, und desto fester ward mein Entschluss: nichts zu tun, wodurch ich mich Mariens Liebe unwürdig machen könnte.
Achtes Kapitel
"Der Wagen! sie kommen, sie kommen!" – rief mein Heinrich, den ich auf den Weg geschickt hatte, mir am folgenden