Ende nahe, und konnte – was auch sein Herz dabei leiden mogte – die Begierde nicht unterdrücken, mich noch einmal zu umarmen.
Ich sah Marie wieder – aber ich hatte mit ihm an einer Brust gelegen, – ich hatte so Manches für ihn, und mit ihm gelitten – ich konnte jetzt nur Sinn für seinen Verlust haben.
Doch er sollte für dieses Mal uns noch erhalten werden. Der Arzt riet zu einer Veränderung des Aufentalts, wir wählten Berlin, und Marie begleitete uns. Ach wer konnte ahnen was seiner dort wartete! –
Schon glaubten wir ihn völlig wieder hergestellt. Mariens unnachahmliche Sorgfalt, und ihr seelenerschütterndes Leiden bei seiner Gefahr, schien alle Spuren der Eifersucht aus seinem Herzen vertilgt zu haben. Zwei Mal wollte ich mich von ihm trennen, aber er beschwor mich, ihn nicht mehr zu verlassen.
So durch die reinste und zärtlichste Freundschaft vereinigt; sahen wir einer heitern Zukunft entgegen. Marie lebte nur in ihrem Gustav – hatte Alles vergessen, was ihr vormahls noch wünschenswürdig schien, und meine Empfindung gegen sie waren mit einer so tiefen achtung verbunden: dass wir alle unsre Ruhe für immer gesichert glaubten.
Aber mein unglücklicher Freund konnte seinem Schicksale nicht entgehen. Ein Fremder, der ihm empfohlen und mit seinem Gemütszustande unbekannt war, verleitete ihn, nachdem sie von mehrern Merkwürdigkeiten der Stadt zurückkamen, die Charite zu besuchen.
Hier fand er Röschen, das bejammernswürdige Mädchen, deren Unschuld er vormahls geraubt hatte, in dem qualvollsten und schauderhaftesten Zustande.
Sie war völlig unkenntlich, aber ein Schrei des Entsetzens verriet sie. – Man brachte meinen unglücklichen Freund, ohne Bewusstsein, in Mariens Zimmer, und mehrere Tage vergingen, ehe wir hoffen konnten, dass er es jemahls wieder erhalten würde.
Endlich erkannte er mich, und – – – doch es ist mir unmöglich die Leiden dieser schönen, gefallenen Menschenseele zu schildern. – Ach wir litten selbst zu viel – wir verloren die Fähigkeit zu beobachten.
Aber mit einem Male schien eine neue Lebenskraft ihn zu erfüllen. Er erhob sich ohne alle hülfe von seinem Lager – sein Auge glänzte, seine Lippen bewegten sich, ein grosser Entschluss schien plötzlich in seiner Seele zu reifen.
Er befahl seinen Wagen bereit zu halten, und kündigte uns an: dass er bis zum Ende des Sommers auf eins seiner benachbarten Güter gehen würde.
Mariens wiederholte Bitten ihn zu begleiten, waren vergeblich. Er behauptete: nur durch eine gänzliche Abgeschiedenheit von Allem was er liebe, geheilt werden zu können. Der Arzt trat auf seine Seite, und so blieben wir das Herz voll schmerzhafter Ahnung zurück.
Schon war die bestimmte Zeit vorüber, und noch hatten wir ihn nicht gesehen. – Marie war entschlossen, auf die Gefahr seines Unwillens, ihm zu folgen, als der Arzt ihr entdeckte: dass Gustav daran arbeite, sich für immer von ihr trennen zu lassen. Er halte sich ihrer nicht würdig, und die Sache würde vielleicht schon entschieden sein, wenn er sie nicht übernommen, und Gustav auf diese wohltätige Weise getäuscht hatte. Er hoffte, dass eine kurze Trennung hinreichen würde ihn vor allen ähnlichen Gedanken zu bewahren.
Jetzt flog Marie zu meinem unglücklichen Freunde; aber sie kam zu spät. – Ein Nervenfieber hatte ihn aufs Krankenlager geworfen, und wir sahen bald, dass alle Hoffnung dahin sei.
Mit einem blick der höchsten Liebe legte er Mariens Hand in die meinige, und verschied in unsern Armen. –
sechs Söhne und vier Töchter blühen um uns auf; aber ihr Lächeln hat die Erinnerung seiner Leiden nicht in unserm Herzen vertilgen können.
Die teuren, geliebten Kinder! sie haben sein Grab mit Rosen bepflanzt, und kennen ihn unter den Namen des unglücklichen Freundes.
Mein ältester Sohn, ein Jüngling von siebzehn Jahren hat seine geschichte gelesen, und oft, wenn seine jüngern Brüder den Hügel umschwärmen, sehe ich ihn gedankenvoll an Gustavs grab verweilen.