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h . Jetzt! – jetzt mehr als jemahls! und was wird Euer Zögling antworten? wenn ihm die Völker am Ufer des Ganges, die Insulaner der Südsee, oder einige arabische Horden versichern: dass sie ganz andere Begriffe von Tugend haben als er? –

E r . Das was etwa ein Grieche, der den Apoll für das Ideal der menschlichen Gestalt ausgäbe, einem Chineser, einem Neger, oder einem Feuerländer antworten würde; wenn einer von diesen Leuten behauptete: dass nur seine Nation Begriffe von w a h r e r Schönheit habe, und dass der Apoll des Griechen, nichts mehr und nichts weniger als ein ungeschlachter Geselle sei, an dem sie nimmermehr Gefallen finden würden.

I c h . Nun?

E r . Lieben Leute, würde er etwa sagen, wenn ich nicht irre: so nennt Ihr Euch M e n s c h e n , weil Ihr durch einen Nahmen Euren Unterschied von den Tieren bezeichnen wollt?

I c h . Das sollt' ich meinen! –

E r . Nun könnte man glauben: dass Ihr um so mehr diesen Namen verdient, je mehr Ihr Euch w i r k l i c h von den Tieren unterscheidet. –

I c h . Allerdings!

E r . Freund Chineser und Du mein guter Schwarzer, haltet Euch einen Augenblick ruhig. – Seht hier habe ich Eure Köpfe gezeichnet, und den Kopf meines Apolls darunter. Findet Ihr sie ähnlich?

I c h . angenommen: J a .

E r . Aber jetzt müsst Ihr mir versprechen: dass Ihr nicht böse werden wollt; wenn ich eine kleine Veränderung mit Euren Köpfen vornehme. –

Nun wohlan! Sieh lieber Chineser! ein paar Striche, und du bist in eine Katze verwandelt. Du mein guter Schwarzer mit noch wenigeren in einen Affen. Den armen Feuerländer kann ich, um den letzten darzustellen, beinahe ganz unverändert lassen. Aber was fange ich mit meinem Apoll an! – Dieses herrliche Oval, diese gebietende Stirn, dieses göttliche Auge, diesen lieblich - majestätischen Mund, finde ich bei keinem Tiere.

Lasset Eure geschicktesten Zeichner und Naturforscher herkommen, nehmt die unsrigen dazu, ich wette, sie sagen dasselbe.

Könnt Ihr es mir nun verdenken: wenn ich I h n den w a h r e n M e n s c h e n nenne? –

I c h . Es war ein G o t t ! –

E r . Immerhin! nenne das Ideal der Menschheit einen G o t t , und denjenigen, der sich diesem Ideale zu nähern strebt, einen w e r d e n d e n G o t t – ich habe nichts dagegen."

Ich sank an sein Herz und verstummte.

Viertes Kapitel

So sehr auch Genf der Stimmung meines Gemüts zusagte: so eilte ich dennoch, sobald meine Gesundheit nur einigermassen wieder hergestellt war, unsere Reise nach Avignon zu beschleunigen.

Aber bei unsrer Ankunft, war Sophie verschwunden. Ich verwünschte mich und meine Reisefasste und verwarf alle Augenblicke einen andern Entschluss, als Heinrich mir mit einem offnen Briefe entgegen kam.

"Tröste dich!" – sagte er – "ich weiss wo sie ist."

"Wo, wo?" – rief ich. –

E r . In Berlin! Dort erwartet dich ein Glück, auf das du gewiss nicht mehr rechnest. –

I c h . Ein Glück! – welch ein Glück? – erkläre dich!

E r . Raube dir und mir nicht die Freude der Ueberraschung, und sorge jetzt für deine Gesundheit! –

I c h . Peinige mich nicht! die Freude der Ueberraschung kann nicht so gross als die Quaal der Ungewissheit sein.

Warum glänzt dein Auge so freudig? – warum siehst du mich so bedeutend an? – Heinrich! wenn du jemals mich liebtest, sage was weisst du!

O Gott! wäre es möglich! darf ich ihn nennen den Nahmen! – weisst du wo...

"M a r i e ist" – fiel er ein; und wir lagen einander sprachlos in den Armen.

"Erzähle! erzähle! – rief ich, als ich mich wieder erholt hatte – "wer fand sie? wo war sie in der langen schrecklichen Zeit? –

E r . In Hamburg. Wir hatten richtig vermutet: sie ist eine Engländerin, aber von deutschen älteren gebohren.

Ihr Vater, ein reicher Banquier aus Yarmout, verlor durch den Sturz eines Londner Handelshauses sein ganzes Vermögen, nur der Mutter ihres ward gerettet. Diese eilte auf Befehl ihres Mannes, mit Marien nach Deutschland. Hierher wollte der Vater, sobald seine Angelegenheiten nur einigermassen geordnet sein würden, ihnen folgen. Aber nagender Gram und übermässige Arbeit, warfen ihn aufs Krankenlagerer musste sie schleunig wieder zurück rufen, und starb nach wenig Tagen in ihren Armen.

Nun würden sie die Ruhestätte des geliebten Mannes nicht verlassen haben, wenn ihre Freunde in Deutschland sie nicht vermocht hätten, einen Ort zu verlassen, wo sie nur ursache zu Tränen fanden.

Jetzt leben sie in Berlin, und Sophie, die sie in dem haus ihres Bruders kennen lernte, und durch die Beschreibung ihrer ersten Reise aufmerksam gemacht wurde, entdeckte bald, dass sie sich nicht in ihren Vermutungen geirrt, und dass sie jetzt wirklich die Marie vor sich hatte, mit der ein gewisser junger Mann so oft ihre Einbildungskraft beschäftigte.

Marie bedurfte einer Freundin, wie konnte sie eine