rief ihre Leute, der Unglückliche ward fortgeschleppt, und da sie selbst ihm folgte, so nutzte ich den Augenblick, um dieser Hölle zu entfliehen.
Eine Minute wollte die Rache mich zurückhalten; aber der Abscheu überwand, und ich stürzte über die Strasse, als ob alle Geister des Abgrundes mich verfolgten.
Heinrich hatte mich kommen sehen, und eilte mir erschrocken entgegen.
"Was ist es!" – rief er – "um Gottes Willen, was ist es?" –
Mit einem Strohm von Tränen sank ich in seine arme. "Rette mich! rette mich!" – rief ich, "grosser, edler Mensch! verstoss mich nicht von deinem Herzen!"
"Ich dich verstossen! – antwortete er – "nimmermehr! – Komm, erzähle mir, was dich so heftig erschüttert." – Und da ich ihm Alles gesagt hatte, rief er begeistert:
"Willkommen! willkommen! mir und der Tugend! Jetzt ist ein Rückfall unmöglich! jetzt bist du für ewig gewonnen!" –
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
Jetzt bedurfte es keiner Ueberredung, um mich von Neapel zu entfernen, und schon am folgenden Tage waren wir auf dem Wege nach Rom, wo wir uns gleichwohl, der Vorschrift des Arztes zufolge, nur kurze Zeit verweilen durften.
Er hatte mir geraten, durch die Schweiz zu gehen, und den Winter im südlichen Frankreich zuzubringen; und ich war auch um so mehr geneigt, dieser Vorschrift zu folgen, da ich durch Heinrich, welcher mit Sophie im fortwährenden Briefwechsel stand, wusste: dass sich dieselbe seit mehrern Monaten in Avignon aufhielt.
Ihr und Mariens Bild wurden jetzt die herrschenden meiner Seele und oft so in einander verschmolzen, dass sie mir zuletzt nur ein Wesen auszumachen schienen.
Ich wollte mich der Tugend widmen; aber meine Phantasie bedurfte einer menschlichen Gestalt, sie zu umhüllen, und indem Sophie mir für die Tugend selbst galt, schmückte ich sie mit allen jugendlichen Reitzen Mariens.
Italien hatte ich nur durchgejagt, jetzt würde die sehnsucht nach Avignon mich wahrscheinlich verleitet haben, die Schweiz eben so zu durcheilen, wenn es mir meine zerrüttete Gesundheit nicht unmöglich gemacht hätte.
Ich musste in Chamouny ein Häuschen mieten, und meine Reise nach Avignon wenigstens um einen monat verschieben.
Wer war froher, als Heinrich! –
"Nur hier wirst du genesen!" – rief er – "nur hier wirst du den Adel der Menschheit begreifen!" –
Aber ach! was ihn mit Mut und Freude erfüllte, erregte mir nur Schauder, und wenn ich die schroffen Felsen hinanblickte, so dünkte mich, sie würden über mir zusammenstürzen.
Oft wollte ich es wagen mich durch die Aussicht von ihren Gipfeln zu erheitern; aber schon auf der Hälfte des Weges sank ich kraftlos zu Boden, und wir mussten nach Genf eilen, um einer ernstaften Krankheit zuvorzukommen.
Zweites Kapitel
An den Ufern des reizenden Sees, verwandelte sich meine Schwermut in sanfte Melancolie. Heinrich hatte geirrt, nicht die erhabne, nur die liebliche natur konnte mich heilen. – Jene zeigt sich dem Schuldigen wie eine strenge, unerbittliche Richterin, diese wie eine milde segnende Mutter.
Mein krankes Herz bedurfte der Schonung, meine ermattete Seele einer leichten geistigen Nahrung – wo hätte ich sie mehr finden können, als in dem gebildeten Genf? –
In der Tat, meine Heiterkeit wuchs zusehends, mit jedem Siege über meine Sinnlichkeit fühlte ich mehr Kraft, sie zu bekämpfen, und ich ward mit Heinrich um so inniger verbunden, je mehr ich durch mich selbst die Möglichkeit einer ungeheuchelten Jugend begreifen lernte.
So glaubt der prüfende Mensch nur dann erst an das Göttliche, wenn er es in seinem eigenen Herzen entdeckt. Ach was nicht vom Anfange in ihm war, bleibt ihm auf ewig verborgen! – Die Dinge sind ihm nur das, was er sie werden lässt, nicht s i e , nur s i c h s e l b s t erkennt er in ihnen. Von allem was ihn umgiebt, kann er nur sagen e s s c h e i n t – von seinem Gewissen allein e s i s t .
Drittes Kapitel
Von dem allen war ich jetzt lebhaft überzeugt; aber dennoch erwachte manchmal der Geist des Widerspruchs in mir. Ich konnte es Heinrich nicht verzeihen, dass er mich so tief hatte sinken lassen; ob er mir gleich bewies: dass er ohne Gewalttätigkeit nichts mehr für mich habe tun können.
"Zugegeben!" – rief ich – "aber leugne es wenn du kannst! ihr lasst dem Laster nicht Gerechtigkeit widerfahren; und dadurch stürzt ihr uns arme sinnliche Menschen. Eure Tugend hat noch immer die Mönchsgestalt, und Euer Laster ist ein zähnfletschendes Ungeheuer. Ach wir Unglücklichen! so erscheint es uns nicht! –
"Wenn ich nicht irre" – antwortete er, mit seinem zärtlich wehmütigen Lächeln – so declamirte ein gewisser junger Mann in seiner Kindheit, den Vers des ehrlichen Gellert recht artig: Des Lasters Bahn ist Anfangs zwar ein breiter Weg durch Auen – – – –
"Ach geh doch!" – rief ich – "ich wusste damals eben so wenig von welchen Auen die Rede war, als ich jetzt die Auen im mond kenne! – das ist eben das Unglück, dass Ihr genug getan zu haben glaubt, wenn Ihr uns schwatzen lehrt.
H e i n r i c h . Nun, das dächte ich wäre doch jetzt bei der Erziehung nicht mehr der Fall.
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