– nun durch wen anders als durch mich selbst? – war ich nicht schön und liebenswürdig? sagte mir meine Tante das nicht täglich? – hatten es mir die Blicke der Mädchen nicht oft genug wiederholt? und musste ich nicht auf Marien selbst einen vorteilhaften Eindruck gemacht haben? – Es war beschlossen: ich wollte sie aufsuchen, und – im Fall ich sie nicht fände – sie zu sprechen verlangen.
Viertes Kapitel
"Es kann nicht fehlen!" – sagte ich – und eilte im Fluge auf die Wiese. Aber wo blieb mein Mut und meine Selbstgenügsamkeit als mir die Graziengestalt entgegen kam! – ich zitterte so heftig, dass ich genötigt war, mich an einen Baum zu lehnen; und so, mit dem hut in der Hand, in der Stellung eines demütig Bittenden, erwartete ich sie. Was ich sagte? was man mir antwortete? in der Tat, ich weiss es nicht mehr. Ich fand mich mit einem Mahle unter der Linde, Marien gegenüber. Freilich ward mein Antrag verworfen, freilich ahnete ich den Schmerz, der meiner wartete: aber voll seeliger Trunkenheit in Mariens Nähe, wie hätte eine unangenehme Empfindung die herrschende bei mir werden können! – Aber jetzt stand Marie auf. "Du siehst sie nicht wieder" – dachte ich, und mein Rausch war verschwunden. – Mit dem äussersten Ungestüm, die Augen unverwandt auf Marien – als wollte ich sie damit festalten – gerichtet, ergriff ich die Hand ihrer Begleiterinn. "Wäre es möglich Madam" – sagte ich mit einem Tone der das Mittel zwischen Befehl und Bitte war – "wäre es möglich dass Sie mir Ihren künftigen Aufentalt verbergen, dass sie mir die erlaubnis, Sie wieder zu sehen, versagen könnten?"
"Sie vergessen mein Herr" – erwiderte sie mit Kälte, – "dass man Gründe haben kann, gewisse Dinge zu verschweigen." –
Jetzt hatte ich alle Fassung verloren. "Madam" – sagte ich; und trat ihr gerade in den Weg – "wenn sie einen Augenblick bedenken wollten." –
"Was wäre hierbei weiter zu bedenken?" – antwortete sie empfindlich.
"Ach Madam!" – fuhr ich fort – "wenn Sie wüssten wie sehr." –
"Ich weiss! ich weiss mein Herr!" – unterbrach sie mich mit einem Lächeln, das mir durch die Seele ging.
"Mein ganzes Schicksal!" – rief ich aus.
"Es wird spät mein Herr." – sagte sie mit einer Verbeugung, nahm Marien bei der Hand, und da stand ich. – –
Fünftes Kapitel
"Mein Pferd!" – rief ich, aus meiner Betäubung erwachend der Wirtinn entgegen – und stürmte – ohne mich weiter durch ihre fragen aufhalten zu lassen – aus dem Städtchen hinaus.
Wie heftig erschrack meine gute, schwache Tante, als sie mich blas und entstellt in ihr Zimmer treten sah. Das ganze Haus geriet in Bewegung. Es wurden Expresse zu dem arzt und zu dem Chirurgus gesandt, und mir selbst schien es von Augenblicke zu Augenblicke gewisser: dass meine Gesundheit dieser heftigen Erschütterung nicht widerstehen würde.
Welch ein unerhörter Zufall – es war der erste Wunsch in meinem Leben, der nicht augenblicklich erfüllt wurde. –
"Nein ich dulde es nicht" – rief ich aus – ich lasse sie mir nicht entreissen! ich will wissen, wer sie ist, wo sie bleibt, und wenn die ganze Welt sich dawider setzte!"
"Wer denn? – sagte meine Tante – zitternd vor Angst. "Wer denn?" – liebstes Kind! – ich will ja den Augenblick Anstalt machen. Ach hätte ich doch nur Ludwig nicht weggeschickt!"
"Nicht Ludwig, nicht Sie, kein Mensch kann mir helfen!" – rief ich, indem ich mich verzweiflungsvoll auf das Sopha warf und, taub gegen ihre Bitten, in ein langes, mürrisches Stillschweigen mich vertiefte.
Endlich sprang ich auf, lief zur Klingel, und schellte so heftig, dass die Fenster klirrten.
"Was befehlen ihr Gnaden? – rief ein allerliebstes kleines Figürchen in einem grünen Corsette zur tür hinein. –
"Ist mein Pferd" – hub ich an – und mein Ton wurde plötzlich sanfter. –
"O ja! – unterbrach sie mich – indem sie herzhaft vortrat und mir ein paar grosse schwarze Augen entgegenleuchten liess; die keinen Augenblick an ihrer Allmacht zu zweifeln scheinen – "Das Pferd ist so eben in den Stall gebracht."
"Der gnädige Herr werden doch wohl nicht wieder ausreiten wollen? – das arme Tier schien äusserst ermüdet."
Die Figur war mir fremd, dieser zurechtweisende Ton war es noch mehr. Mit einem fragenden blick wandte ich mich an meine Tante.
"Die neue Kammerjungfer" – sagte sie entschuldigend. – "Aber" – fuhr sie mit einer bittenden Miene fort – "liebster Gustav! wäre es denn nicht möglich? dass Du vorher etwas ausruhen könntest?" –
"Das dächte ich auch" – fiel das grüne Corsettchen ein, und würde seine Beredtsamkeit aufs neue geübt haben; wenn nicht meine Tante mit der Hand auf die tür gedeutet hätte. Jetzt da wir allein waren, und da sie mich in einer mildern Stimmung fand; gelang es ihr, mich zu einer ordentlichen Erzählung zu bewegen. Wir beratschlagten bis tief in die Nacht und meine Tante entschloss sich, an Mariens Begleiterinn zu schreiben. Sie trug ihr in den schmeichelhaftesten Ausdrücken unser Landgut