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land der schönen Wunder! Heinrichs Entzücken stieg jeden Augenblick; aber für mich blieben sie tot, die Werke der unsterblichen Kunst.

Nur einem kraftvollen Herzen offenbart sich ihr hoher Geistdas Meinige war durch die Leidenschaften entnervt.

Aber der üppige Himmel wirkte desto mehr auf meine gereitzten Sinne. Bald entflohen alle traurigen Vorstellungen, und mein kochendes Blut mahnte mich nur zu sehr, dass ich mich in dem land des Genusses befände.

Die italiänischen Frauenzimmer haben ein zu günstiges Vorurteil für alles, was einem deutschen mann ähnlich sieht, als dass ich lange nach Abenteuern hätte schmachten müssen.

Im Gegenteil boten sie sich mir so häufig an, dass nur die Wahl mich verlegen machen konnte. Aber diese Verlegenheit verschwand, sobald die Marquise P. mich mit gütigem Auge bemerkte.

Sie wollte gefallen undsonderbar genugdemohngeachtet gefiel sie wirklich. Ihre ausserordentliche Schönheit, ihr blendender Witz rissen auch dann noch hin, wenn man am meisten auf seiner Hut zu sein glaubte. Bald sah man sich gefesselt, und verlohr mit der Freiheit die Neigung ihren Verlust zu beklagen.

Die italiänischen Frauenzimmer sind wohl geneigt mit Grausamkeit zu e n d i g e n ; aber nicht, wie die deutschen, damit a n z u f a n g e n . Die Marquisin blieb der Sitte ihres Landes getreu, und bald waren wir auf das Innigste mit einander verbunden. –

Will man eine sinnliche anhänglichkeit L i e b e nennen, so muss man gestehen: dass die italiänischen Frauenzimmer l i e b e n , statt dass die deutschen sich nur lieben l a s s e n .

Die Deutsche ist glücklich, wenn sie umarmt wirddie Italiänerin will selbst umarmenund das, was in Deutschland V e r d e r b n i ss und U n n a t u r heissen würde, ist in der Nähe des Vesuvs N a t u r .

Neuntes Kapitel

So sehr mir die Marquise den Aufentalt in Neapel interessant machte, so unangenehm war er für Heinrich.

Er litt unbeschreiblich unter dem Einflusse des brennenden himmels, und sehnte sich nach Raphaels unsterblichen Werken zurück, um seine Phantasie wieder mit erhabenen Bildern anzufüllen.

Vergebens war mein Rat, sich dem Einflusse des Clima's nicht zu widersetzenvergebens mein Spott, da mein Rat nichts helfen wollte. Er wankte nicht in seiner unerbittlichen Strenge gegen sich selbst. "Nein!" rief er – "ich kann mein edleres Selbst nicht dem unedleren aufopfern!" –

"Edleres! unedleres Selbst!" – wiederholte ich – "welche verworrene Begriffe! Ist irgend etwas unedel, was die natur befiehlt?" –

E r . Die natur befiehlt Ordnung, und besieht nur durch sie. Ich handle dieser Ordnung zuwider, wenn ich mich zu den Tieren erniedrige. Für sie mag Sinnlichkeit Zweck seinfür mich kann sie nie etwas Anderes als Mittel werden.

I c h . Lauter Extreme! – Wer sagt dir: dass du dich zu den Tieren erniedrigen sollst? – Liebe die person, mit der du dich sinnlich verbindest, so ist der Unterschied, der dir so gewaltig am Herzen liegt, erwiesen.

E r . Lieben! – Wie kann ich sie lieben, wenn ich sie nicht achte! – Wie kann ich sie achten und lieben und sie unglücklich machen wollen? –

I c h . Mache sie glücklich! das hängt ja nur von dir ab.

E r . Wollte Gott, dass es so wäre! aber ich kann noch nicht heuraten.

I c h . Also für das liebliche Ehestandsjoch sparst du dich, opferst die schönsten Jahre des Genusses einer Chimäre auf? –

E r . Immerhin! mir ist diese Chimäre Wahrheit!

I c h . Hm! – Was ist Wahrheit! –

E r . Alles, was den Menschen veredelt, ist m e n s c h l i c h e Wahrheit.

"Ich bleibe hier!" – rief ich ärgerlich – "was du tun willst, hängt von dir ab."

"Was ich tun will" – antwortete er mit Festigkeit – "wirst du sehen. Ich habe deiner Tante versprochen, dich nicht zu verlassen. Ich halte es, aber ich rette mein Herz!" –

Zehntes Kapitel

Der edle, vortrefliche Mensch! wie rettete er es! –

Von nun an sah ich ihn nur des Morgens. Nachmittags, wenn ich nach ihm fragte, wusste Niemand, wo er waraber des Abends kam er gewöhnlich todtmüde, und mit Schweiss bedeckt wieder zu haus.

Seit jenem Streite waren wir etwas gespannt, und ich hatte nicht den Mut, ihn zu fragen: wo er gewesen sei? – aber die Neugier trieb mich, ihm eines Tages unbemerkt zu folgen.

Wir waren schon weit von der Stadt, als ich ihm zwei halb nackte Kinder entgegenlaufen sah. Sie schrien laut vor Freuden, und das Eine ruhte nicht, bis er es auf den Arm nahm, während das Andre sich an seine Kleider hing, und so von ihm mit fortgezogen wurde.

Sie gingen zu einem Hüttchen, wo ihm drei andere Kinder entgegen sprangen, und ihn laut jubelnd hinein führten.

Ich war zweifelhaft, ob ich ihm folgen sollte, als er aus einer andern Tür heraustrat, einen Pflug anspannte, und auf das benachbarte Feld zog.

Ich hatte mich hinter ein Gebüsch versteckt, und sah, wie er das Feld sehr ernstaft auf und ab