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der Doctor, der es so gut gemeint hatte, auch an seiner Seite verdriesslich. – Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton. – Schon wieder? Und das mit Ihnen, mit dem ich doch sonst eben nicht witzle? – Er sagte das Wörtchen: witzeln, mit einem ganz eigenen Nachdruck. – Nun, Sie sehen dann wohl Selbst: es ist unmöglich, unmöglich! – Gleichwohlhabe ich Mitleiden mit meinem Sohn; und ich komme da eben auf einen Gedankenauf einen, glaube' ich, guten Gedankenden aber nur Sie würden ausführen können.

Nur ich? –

Sie haben mir so eben Ihre grosse Gabe dazu bewiesen.

Wie verstehe' ich das? Welche Gabe?

Je, die glückliche Gabe, Fehler zu sehen und zu sagen. Wie, wenn Sie nun gingen, und meinem Sohn auch die seinigen sagten? – denn dass er ihrer hat, dafür steh' ich. Recht derbe Fehler! – Wenn Sie zu ihm sprächen: "Sie müssen mir das nicht ungütig nehmen; es geziemt mir freilich nicht so zu reden; ich sag' es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht" – oder wie Sie es sonst herumbringen; wie Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten: – Sie werden ja das wissen, Herr Doctor

Gut! gut! sagte dieser, und biss voll Unmuts die Lippen.

Kurz, wenn Sie sprächen: "Die bewusste Unterredung mit unserm Alten hab' ich gehabt. Es ist doch ein wunderlicher, eigenwilliger, hartnäckiger, alter Mann. Steif ist sein rücken, und steif ist sein Kopf. Beide würden eher brechen, als biegen. – Wie, wenn lieber Sie, der jüngere Mann, die Fehler ablegten, die den grämlichen Alten auf Sie verdriessen? wenn Sie, zum Beispiel, ein gesetzterer Mensch, ein sparsamerer Wirt, ein aufmerksamerer Kaufmann würden? Ich stünde Ihnen dann mit meiner Ehre dafür" – und hier meine Hand, dass Sie Ihr Wort nicht bereuen sollten! – "ich stünd Ihnen mit meiner Ehre dafür: der Alte sollte uns anders werden; er sollte seinen Sohn lieber haben, als seinen Witz; er sollte keine grössere sorge auf dem Herzen tragen, als wie er den einzigen Erben seines Hauses und seines Namens glücklich machte." – Hier drehte sich Herr Stark wieder gegen den Tisch, und griff nach den BeutelnDenken Sie der Sache gelegentlich nach! Es ist ein Vorschlag zur Güte.

Ich sehe wohl, sagte der Doctor, der seinen Verdruss kaum mehr bergen konntees ist nichts mit Ihnen zu machen.

Finden Sie das? – Das hat schon Mancher gefunden. Das ist fast immer so mit Leuten, die nach grundsätzen handeln.

Und so muss ich's Ihnen denn nur gerade heraussagen. Sie werden erschrecken; aber – – Ihr Sohn – –

Mein Sohn?

Er will von Ihnenwill fort!

Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstück in die hände gefallen, das ihm nicht so recht echt schien. Er besah es von vorn und von hinten, warf es auf den Tisch, um den Klang zu hören, und musterte es endlich aus. – Dreizehn, vierzehn, funfzehnWill von mir? Wohin?

So gelassen dabei? – Aber Sie denken vielleicht: es sei nur Vorwand, nur Kunstgriff. – Ich schwör' es Ihnen dann auf Ehre: er will fort, will nach Br ..., auf nimmer Wiedersehen.

Will er? – Hahahaha!

Sie lachen?

Über etwas sehr Lächerliches.

Nun beim Himmel! So finde ichs nicht.

Aber ich! – Lieber, lieber Herr Sohn! So etwas für Ernst zu nehmen!

Und wofür sonst?

Für nichtigen, leidigen, elenden Trotz.

Ich fürchte, Sie werden bald anders denken. – Ja, wenn es das erste mal wäre, dass er den Einfall hätte! Aber er hatte' ihn schon öfter. – Und so leicht es mir Anfangs ward ihn zurückzuhalten, so schwer ward mir's nachher.

natürlich! Weil Sie Sich gleich Anfangs zu viele Mühe gaben.

Er geht aber. Denken Sie an mich, lieber Vater! Er geht! – Und nunwas wird die Welt davon urteilen? Ihr Sohn ist für keinen üblen Mann bekannt, und Sie Selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen. – Ihre Handlung werden Sie fremden Händen vertrauen müssen. Sie sind zu alt und mit andern Geschäften zu überhäuft, um diese hände genug zu beobachten. – Ihre Frau wird ihren einzigen Sohndenken Sie Selbst, wie ungern! verlieren; wir Alle

Ach Torheit! Torheit! sagte der Alte, und zählte fort.

Wenn Sie's so ansehen – –

Wie anders?

Ich habe dann das Meinige getan, und muss schweigen.

Lieber, lieber Herr Sohn! – und er drehte sich zu einem ernstaften Gespräch herum, mit bei Seite gelegter Brille. – Ihre Gründe sind gut, sind vortrefflich; aber für wen? Für meinen Sohn, oder für mich? – Wenn ihn die Welt als keinen üblen Mann kennt; so hoff' ich sagen zu dürfen: mich kennt sie als einen guten. Auf wen wird also der meiste Vorwurf, der meiste Tadel fallen? – Wenn die Handlung zu grund geht; wer ist's, der den Schaden trägt? der verliert? Ich, der Greis, der sein Gutes genossen hat und nun auf die