, was er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst, glaubte er, billigte nicht nur, sondern beföhle diesen Entschluss; denn seine vollen dreissig Jahre hatte' er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem Kummer, in so tödtenden Ärgernissen und Sorgen, dass die zweiten dreissig zu hoffen Torheit war: und warum er, eines wunderlichen, grillenhaften, unverbesserlichen Vaters wegen, mehr als die erste, schönste Hälfte seines Lebens aufopfern sollte, das konnte' er nicht einsehn. Sein Herz sprach dagegen zu laut, und im Gesetz fand er's nirgend geschrieben.
In der Tat war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft gehegter, und selbst bis zum vollständigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei welchem das Wie? und Wohin? und durch was für Mittel? schon längst beantwortet, und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indess dieser Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genährt hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem höchsterbitterten Gemüte des jungen Mannes fester setzte als je, und im kurzen zum entschiednen, unwiederruflichen Vorsatze ward; so hatte das einen noch ganz andern Grund, als die Launen des Vaters: aber einen Grund, womit Herr Stark sich so äusserst geheim hielt, dass er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glänzendsten Partieen der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den mutwilligen, hämischen Streich, dass sie ihn mit allen seinen Neigungen zu einer person hinriss, die von den Vorzügen, welche sonst Liebe entschuldigen, auch nicht einen befass. Weder war sie von besonderer Schönheit des Gesichts oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Blüte der Jugend, noch zeichnete sie sich durch grosse, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin, an Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer mögten gefunden haben. Güter hatte diese person vollends nur wenig, ausser solchen, die es eigentlich bloss für den ersten Besitzer sind, und die auf Andre als Güter nie so recht übergehen können: ein Paar liebenswürdige Kinder. Kurz, es war eben die Madam Lyk, wegen deren Herr Specht so verhasst war, und über die wir den Vater so strenge haben kunstrichtern hören.
Es ist bekannt, dass man in lebhaften Träumen zuweilen sich selbst fragt: ob man denn wache oder nur träume? und dass die Antwort immer das Gegenteil des wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmalen, wenn er der Madam Lyk in sehr zärtlichen Empfindungen gegenüber sass, sich ganz ernstlich befragt: ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die Antwort gefallen: frei. Gleichwohl war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz wohl zu Mute; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht unmöglichen, und nur zum Scherz, so angenommenen Fall, dass er irre, konnte er alle die bittrern Höhnereien vorausdenken, womit ihn zu haus der Vater, und ausser dem haus die vielen Familien verfolgen würden, die mit der beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Töchter auf einen so reichen Erben und zugleich so schönen, blühenden Mann, als Herr Stark, trotz allen vom Vater erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben mögten. Das Beste wäre auf diesen Fall gewesen, Madam Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging, solange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Gründen nicht an: und so ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste dahin näher bestimmt, dass man sich von diesem Orte, je eher je lieber, müsste loszureissen suchen. – Doch, wie gesagt, mit diesem stärkern, eigentlich entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewusstsein; Herr Stark hätte Leib und Leben darauf verschworen, dass es bloss der wunderliche, unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen, einzigen Sohn, welcher so lange Jahre für ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte. Wie gut sein Herz sein müsse, erkannt' er hiebei aus dem Kummer, womit er an den üblen Ruf und an die ausserordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte unausbleiblich geraten müsste; aber einmal wollt' es dieser nicht anders haben, und der Sohn konnte nicht helfen.
VI.
Der einzige in der Familie, der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark zwar nicht völlige Kenntniss, aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte, war der Schwager, Herr Doctor Herbst. Er hatte dem seligen Lyk, als Hausarzt, in seiner letzten Krankheit gedient; er wusste, dass wegen Handlungsverdriesslichkeiten grosse Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem Sohne geherrscht hatte, und er selbst war Vermittler bei der sehr rührenden Aussöhnung gewesen, die vor dem tod des erstern vorhergegangen war. Bei dieser Aussöhnung, hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen, dass er, auf den Fall seines Hintritts, die Witwe mit Rat und Tat unterstützen, und besonders die Handlungsangelegenheiten, von denen Herr Lyk gestand dass sie in nicht geringer Unordnung wären, möglichst aufs Reine bringen wollte. Dieses edelmütige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grössten Eifer erfüllt: er hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick, den er eigenen arbeiten hatte absparen können, den Angelegenheiten der Witwe gewidmet; und schon mehrmalen hatte der Doctor, wenn er der sehr kränklich gewordenen Frau noch spät Abends einen Besuch gab