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völlig frei, ohne fremden Einfluss und Antrieb handeln, und eine Wahl ganz nach seinem eigenen Herzen treffen soll. – Hätte der Doctor noch hinzugesetzt: dass vielleicht das Kopfschütteln des Alten weniger der Witwe, als dem Sohne, gegolten, und dass seiner geäusserten Unzufriedenheit wohl nicht so sehr Missbilligung jener, als Misstrauen gegen diesen, zum grund gelegen; so hätt' er vermutlich, statt der halben, die volle Wahrheit getroffen. Der Alte konnte' es für möglich halten, dass der Sohn sich zu dieser Heirat bereden liesse, aber zugleich nach seinem Charakter für wahrscheinlich, dass er in der Folge diesen Schritt bereute, und dann seine Ehe unglücklich würde. –

Auf dem Heimwege wurden Doctor und doctorin einig, dass der Bruder nur das vorteilhafte Urteil des Vaters von der Witwe, nicht den kleinen Vorfall mit der Mutter, erfahren müsse. Sein Mut, wie beide sehr richtig urteilten, war eher zu stärken als niederzuschlagen. übrigens, da jetzt Alles erschöpft war, was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte; so hielten sie es für notwendig, dass der Bruder ein Ende machte, und so bald als möglich dem Vater vor Augen träte.

XXXIV.

Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt, und liess gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen, ob er so glücklich sein könne ihn ohne Zeugen zu sprechen. Er ward augenblicklich angenommen, und fand das Wort des Doctors bestätigt: dass wenn er jetzt dem Vater vor Augen, träte, er einen ganz andern blick von ihm sehen, wenn er jetzt mit ihm redete, einen ganz andern Ton von ihm hören würde. Der Empfang war bei allem Ernste so gütig, und die Frage: welche wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die Landluft auf ihn gehabt habe, ward mit so vieler Teilnahme vorgebracht, dass die Ängstlichkeit des Sohnes sich um ein Grosses verminderte.

Um sein Herz noch mehr zu erleichtern, trat er sogleich auf den Vater zu, und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an, die aber der Vater grossmütig genug war ihn nicht vollenden zu lassen. – Hast du, fiel er ihm in die Rede, mit deinem Schwager gesprochen? Hat er dir meine Absichten mit dir entdeckt?

Ja, mein Vater.

Und deine Meinung darüber? –

Ich habe für meine Erkenntlichkeit keine Worte. – Er ergriff die Hand des Alten, und küsste sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung, als Rührung.

Hast du auch die Bedingungen erfahren, die ich dir mache?

Ich werde sie heilig erfüllen. Nicht bloss als Ihre Befehle, auch als Wünsche meines eigenen Herzens. Tätig zu werden, ist jetzt mein einziger Trieb. – Und da mich Ihre Einsicht, Ihr väterlicher Rat, wie ich hoffe, bei jedem wichtigern Schritte leiten wird; so verspreche ich mir den besten, glücklichsten Erfolg meiner Bemühungen. Es wird mein eifrigstes Bestreben, mein Stolz, meine höchste Zufriedenheit sein, Ihnen Freude zu machen.

Die werde' ich haben, wenn es dir wohlgeht. – Aber warum erwähnst du einer der Hauptbedingungen nicht, deiner Heirat? – Hast du noch keine Wahl getroffen?

Mit der gewöhnlichen Schüchternheit, womit fragen dieser Art pflegen beantwortet zu werden, sagte der Sohn: Ich habe.

Kenn' ich deine Geliebte?

Mit noch grösserer Schüchternheit brachte er die Antwort hervor: Seit Kurzem. – Aber äusserst schnell flossen ihm am einmal die Worte, als er anfing die Tugenden seiner Geliebten zu preisen, und auf die Bosheit gewisser Elenden zu schelten, deren tückischen, giftigen Pfeilen auch die reinste unbefleckteste Tugend nicht entgehe.

Diese Vorrede, sagte der Alte, könnte mir bange machen. – Ich bitte um den Namen deiner Geliebten.

Es half dem Sohne nichts, dass er den Namen der Witwe nur mit ganz leiser, gedämpfter stimme aussprach. Er war genötigt, ihn desto lauter zu wiederholen.

Also die! sagte der Alte ernstaft, indem er mehrere Schritte umherging: die Witwe! – Ist das bloss Nachricht, die du mir giebst; oder – –

Es ist Vortrag meines innigsten, herzlichsten Wunsches, für den ich um Ihren gütigen Beifall, um Ihre väterliche Bestätigung bitte.

Unter Euch selbst, hoff' ich, ist doch schon Alles ausgemacht? Ihr seid einig? –

Wie freute sich jetzt der Sohn, dem Rate seines Schwagers gefolgt zu sein! und dem Vater mit voller Wahrheit beteuren zu können: auch nicht das erste Wort von Liebe sei zwischen ihm und der Witwe gewechselt worden; auch nicht einmal vorläufig, unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters.

Um so besser! sagte der Alte. So braucht nichts erst zurückzugehen.

Zurückzugehen, mein Vater? – Sollt' es denn das? Müsst' es denn das?

Ich sehe den gang, den diese Liebe genommen, ganz deutlich. Du hast an der Witwe mit einer Rechtschaffenheit, einem Edelmute gehandelt, wovon dein Herz dir das zeugnis gibt, dass sie dir zur Ehre, zur grössten Ehre gereichen. So ist natürlich ihr Anblick dir wert geworden; denn er erinnert dich an die beste Tat deines Lebens: aber eigentliche herzliche leidenschaft, eigentliche innige Liebe, die bis in das Alter ausdauren, und dich für Alles entschädigen könnte, was du ihrentwegen entbehren und aufopfern müsstestnein, mein Sohn! die kann ich hier unmöglich voraussetzen; unmöglich!

Warum unmöglich, mein Vater? – Und was müsst' ich denn ihrentwegen entbehren? Was müsst'