den gerührtesten Sohn zu umarmen!
Meinen Sie? – Nun, so bereiten auch Sie Sich vor, einen Mann zu erblicken, der Haus und Handlung verliert, und der dazu lächelt!
Wie freu' ich mich dieser Ihrer Laune, mein Vater! –
Aber ich mich gar nicht Meinung von mir. – Was? Erbittert wär' ich gewesen? Erbittert gegen einen einzigen Sohn, von dem Sie mir Dinge erzählt hatten, die mir Freudentränen in's Auge lockten? erbittert gegen ihn, über den Sie schon längst mein Wort hatten, dass, wenn er würde, wie ich ihn wünschte, es meine erste, herzlichste sorge sein sollte, wie ich ihn glücklich machte? – Ein solches Wort, meinen Sie, spräche der alte Stark in den Wind? Ein solches Wort könnt' er brechen? – Gehen Siel – Gehen Sie! – indem er sich selbst zum Gehen anschickte – Sie haben mein Herz verkannt, meine Ehre gekränkt; und nun komm' ich Ihnen – er schien sich einen Augenblick zu besinnen – in vollen acht Tagen nicht wieder!
Der Doctor lächelte, und ergriff die Hand des Alten, um sie zu drücken; denn Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte. Die Herzlichkeit des Gegendrucks, den er erhielt, überzeugte ihn von der grossen Zufriedenheit, womit sein vorteilhaftes zeugnis über die veränderte denkart des Sohnes war angehört worden. Gleich sehr überzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk, das ihm noch diesen Abend gebracht ward; ein grosser Korb voll des herrlichsten alten Rheinweins, woran, wie die Träger sagten, sich der Herr Doctor erquicken sollte.
XXXIII.
Je wichtiger, durch die Erklärung des Vaters, der Punct von der Heirat geworden war; desto begieriger ward der Sohn, die Meinung desselben über die Witwe zu wissen, und desto scheuer die Tochter, sie zu erforschen. Gleichwohl wagte sie am folgenden Nachmittage beim Tee einen Versuch, mit dem es aber nicht zum glücklichsten ablief.
Wissen Sie schon, fing sie an, lieber Vater, was sich gestern für eine wichtige, für eine denkwürdige Begebenheit zugetragen hat?
Nein, sagte der Alte.
Der edle Liebesritter Wraker hat seine reizende Dulcinea glücklich zum Altare geführt.
Hat er? – Der alte, armselige Stümper!
O spotten Sie seiner nur nicht! Er soll sich so glücklich, so überschwenglich glücklich fühlen – –
Je nun – er ist dem Himmelreich nahe.
Dem künftigen, meinen Sie? Ich zweifle, dass er daran noch denkt. – Doch was geht mich der alte Wraker an zusammt seiner Liebesgeschichte? Ich sehe nur, wie mich mein guter Vater gelehrt hat, auf die unschuldigen kleinen Waisen, die doch nun wieder einen Beschützer haben. – Ach das liebe kleine Waischen von gestern! Nicht wahr? wenn doch auch das wieder einen Beschützer hätte!
Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink, und der Vater ward auf einmal sehr ernstaft. – dafür, sagte er, liessest du wohl äm besten den Himmel sorgen. In solche Sachen sich einzumischen – – Aber was will ich? Ich bin wohl töricht, sehr töricht.
Lieber Vater! sagte die Tochter verlegen.
Ich hätte beinah' einer Frau, wie dir, eine Klugheitsregel gegeben. Als ob du deren bedürftest!
Von wem nähm' ich sie lieber an, als von Ihnen?
Nein, nein! Das hiesse ja wohl, dem Tage ein Licht anzünden. – Auch bist du für solche Torheiten noch viel zu jung. Das Heiratstiften ist nur Sache für alte, abgelebte Matronen.
Die spitzfindige Miene, die er bei diesen Worten zog, und die unwillige, ärgerliche der Mutter, machten der Tochter so bange, dass sie auf der Stelle verstummte. Es musste etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen sein, das sie durch ihr Gespräch wieder aufgeregt hatte; und das war ihr ausserordentlich traurig. –
Um's himmels willen! fing sie an, sobald der Vater hinaus war: was hab' ich gemacht, liebe Mutter?
Ja, der wunderliche, grillenhafte Alte, dein Vater! Wird man je aus ihm klug? – Ich glaube, wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte; ich lernt' ihn dennoch nicht aus. – Denke dir nur, was ich gestern, der Witwe wegen, für einen Verdruss mit ihm hatte!
Der Witwe wegen? – Das ist das Unangenehmste, was Sie mir sagen könnten!
Er fand sie hier wartend, als er aus deinem haus zurückkam. –
Nicht möglich!
Sie wollte ihm danken, dass er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen: aber das verbat er, und hörte kaum danach hin; er kam sogleich auf ihren ältesten Kleinen, den er bei dir hatte kennen lernen, und sagte von dem kind so viel liebes und Schönes, dass er der guten Frau das Herz abgewann, und sie recht munter und zutraulich machte. Er zog sie dann aus einem Gespräch in das andre, und war so zufrieden mit ihr, so zufrieden –
O mein Gott, liebe Mutter! Sie machen mich unaussprechlich neugierig. Sagen Sie mir doch nur dies und jenes, was vorfiel!
Gerne. Wenn ich's nur wieder zusammenbringe! – Von der Wirtschaft ihres Vaters, glaube' ich, war gleich zuerst die Rede; jaja!
Und sie wusste zu antworten? wusste Bescheid?
Um Alles. Bis ins Kleinste hinein.
Ah! da begreif' ich. Das wird ihm gefallen haben.
Gar sehr.