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hatte. – Der Alte liebkoste jetzt beiden, und war ausnehmend vergnügt.

Aber, sagte er: wenn der alte gute Lyk den Mund zum lachen verzog; da hatte' er so ganz etwas eigenes in seiner Oberlippe. Ob auch wohl der Kleine das hat? – Lieber Kleiner! tu mir den Gefallen und lache! Hörst du?

Der Kleine blieb ernstaft; denn er hatte keinen Anlass zum lachen, und war noch nicht fein genug, um in der Aufforderung selbst diesen Anlass zu finden. – Ich will dich schon dazu bringen, sagte der Alte, und zog aus seiner Börse einen neuen spiegelhellen Doppelducaten, den er ihm zu geben versprach, wenn er ihm den Gefallen täte und lachte. – Der Knabe verläugnete hier das mercantilische Blut nicht, aus dem er entsprossen war, sondern lachte den schönen dukaten mit sichtbarer Begierde an, ihn aus der fremden tasche in die seinige zu spielen; und nun riss Herr Stark ihn mit vieler Wärme an seine Brust, um ihn zu küssen. – Sieh! sieh! sagte er zu der Tochter.

Dem Grossvater wie aus den Augen geschnitten!

Nicht wahr? – Da nimm hin, lieber Kleiner, und wenn du zu haus kömmst, so gieb den schönen dukaten der Mutter, und bitte sie, ihn in deine Sparbüchse zu stecken. –

Bei Tisch war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune, sprach und scherzte mit den Kindern so viel, und machte zu der Nachricht, die man ihm von dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab, eine so gute Miene, dass die nachmittägliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter keinen günstigern Vorzeichen hätte beginnen können.

Der Doctor fing damit an, dass er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen Behandlung seines kritischen Kranken Glück wünschte, dessen Übel er mit dem richtigsten Blicke gefasst, und wie es nicht anders scheine, aus dem grund gehoben habe.

Doch? sagte der Alte lächelnd. Hab' ich einige Anlage zur Kunst?

Was Anlage! Sie sind Meister darin.

Also Alles glücklich vorüber?

Alles. Die ganze Krisis.

Der Trotz zum Herzen heraus?

Völlig, völlig heraus. Und das Herz im frischesten, gesundesten Zustande. Voll Liebe, Dankbarkeit, Ehrerbietung für einen Vater, der statt zu zürnen, wie er gekonnt hätte, nur edel wohltat.

Aber, Herr Sohn, noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende. Sie haben durch so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven gemacht; und da will ich denn, Sicherheits halber, meinem Kranken noch eine kleine Nachcur verordnen, von der ich hoffe, dass sie ihm gute Dienste tun soll.

Für jetzt wäre wohl das Beste, dass Sie ihn stärkten.

Meinen Sie? Und wodurch?

Durch volles Vergessen, volle zärtliche Vaterliebe.

Wenn's nur damit nicht noch zu früh ist! – Nein, nein! Ich habe die Sache nach meinem eigenen kopf angefangen, und so will ich sie nun auch durchführen? Ich will den Vorteil nicht ungenutzt lassen, dass der junge Herr durch seinen Trotz sich mir in die hände gegeben hat, und dass er nun schon muss, wie ich will.

War er denn nicht immer in Ihren Händen?

Nicht ganz. Ich musste Rücksichten nehmen. – Gesetzt, dass ich in unsrer ehemaligen Lage gesagt hätte: "Sohn! das und das ist mein Wille; darauf besteh' ich durchaus; so und so sollst du's machen; oder ich jage dich aus dem haus, schicke dich an einen Ort, der dir nicht ansteht, vor dem dir graut:" – denn unter uns! dass ihm vor seinem Br ... graut, weiss ich sehr sicher; – sagen Sie mir: was würden die Mutter, die Schwester, Sie Selbst, alle Menschen, von mir gedacht haben? Ein Tyrann, ein Barbar, ein harter, unnatürlicher Vater wär' ich gewesen. – Vor seinem Trotze so zu handeln, war in der Tat ohne Härte nicht möglich; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln, und ich will den sehen, der mich tadelt.

Einer wird es doch, lieber Vater.

Wer? –

Ein Mann von dem edelsten Herzen: Sie Selbst.

Falsch! Mit mir selbst bin ich einig. – Ich werde meinem Sohne gerade heraussagen: mit unsrer Verbindung ist's aus; auf die rechne nicht länger; in mein Haus, in meine Handlung, kömmst du nicht wieder.

Lieber Vater! sagte der Doctor.

Das steht fest. Das ist nun einmal entschieden.

Der Doctor war nicht wenig erschrocken. – Sie werden mich wenigstens anhören, hoff' ich, und dann weiss ich gewiss: Sie werden ganz anders denken.

Sie anhören? Das will ich gerne. Hier sitz' ich! – Aber ganz anders denken? Da müssten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben.

Nichts sehr Sonderbares, aber sehr Wahres.

Schön! Ich bin neugierig darauf.

Sie können's nicht sonderbar finden, wenn ich behaupte: dass eine einzige Tat, zu welcher glückliche oder unglückliche Umstände einen Menschen hinrissen, ihn von Grundaus verändern, ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann. Bewusstsein einer ehrlosen, schändlichen Handlung kann den Menschen auf immer verschlechtern; Bewusstsein einer guten und grossen, ihn auf immer veredeln.

Wohin zielt das? fragte der Alte.

Sie erinnern Sich, was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres