mich ganz freimütig herausgehn! Ich wende mich nicht ohne Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit über, da er Ihre Bücher berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. – natürlich ward er mit Ihnen vertraut.
Die Witwe zitterte vor dem, was nun folgen würde. Sie errötete und erblasste.
Sollte da in so manchem gespräche, in so manchem ungezwungenen, unbelauschten gespräche – denn Sie waren ja wohl meistens mit ihm allein? – –
Das freilich; aber – –
Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verraten haben? Sollte nicht irgend ein Wörtchen gefallen sein, das uns Licht geben könnte?
Ich wusste nicht. Ich müsste zurückdenken, sägte die Witwe. Doch überhaupt – – Was überhaupt, liebe Freundinn?
Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig gesprochen.
Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem – der Anfang seiner leidenschaft fällt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis dahin war er noch heiter und munter. Gewiss hat er, neben den Zahlen und Brüchen, noch an etwas Anders gedacht. – Können Sie Sich nicht erinnern, ob Sie einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren?
Ich hatte – niemal Gesellschaft. – Sie wusste sich keinen Rat mehr. Sie pflückte und zupfte an ihren Kleidern.
Nun, so werde' ich wohl auch hier nichts erfahren. Ich werde so klug wieder gehen, als ich kam. – Mein, Trost muss sein, dass die Zeit endlich Alles an's Licht bringt, und dass auch diese Liebe nicht ewig geheimnis sein wird. – Indessen glauben Sie nur nicht, dass mich blosse Neugier zu Ihnen geführt hat; es war eben so sehr zärtliche Besorgniss um einen Bruder, den ich Törinn noch immer liebe, so wenig er es auch wert ist.
Sie sind hart. – O mein Gott!
Ich sehe ihn blässer, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da ruhig bleiben?
Hinwelken! – Liebe Frau doctorin!
Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das tut auf die Länge nicht gut; der Bruder muss sich notwendig erklären.
Die Witwe geriet hier in eine Wehmut, die sie kaum mehr bezwang. Auf Erklärung freilich kam's an: und dass er diese zurückhielt; dass er sich lieber in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus schliessen? – Missbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes Vermögen; standen ihm ihre Kinder im Wege? –
Eigennuz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht läugnen. – Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein geschöpf, liebe Freundinn! – von einer Sanfteit, einer gefälligkeit, einer Seelengüte! – Wie gerne hätte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich immer, dass mein Bruder sie mir zuführen sollte! Wie würde' ich sie, und um ihrentwillen auch meinen Bruder, geliebt haben!
Auch ich – sagte die Witwe – hatte – Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und weinte es so über und über voll, dass sie es wegwerfen und sich ein frisches nehmen musste.
Gewiss war Madam Lyk, das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerinn; und ihre Tränen flossen also ohne Zwang, aus der Fülle des Herzens: aber gewundert würde sich, wenn sie hier hätte zugegen sein können, die kleine Amalie ein wenig haben, dass, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr erwähnt, sie noch jetzt ein so reichliches Tränenopfer erhielt.
Auch die doctorin zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht; sie verbarg ein Lächeln dahinter. – Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem gespräche abbrechen; denn wozu einander wehmütig machen? Wir wollen denken; was hin ist, ist hin, und was im grab liegt, kommt nicht wieder.
Das kommt freilich nicht wieder, schluchzte die Witwe.
Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. – Mein Bruder ist wohl auch nicht so hinfällig, als meine Besorgniss ihn macht; wenigstens, wie ich diesen Mittag sah, hat er noch gute Esslust: und die, denke' ich, ist eben kein Zeichen zum tod. Sie lächelte. – übrigens wird er jetzt schwerlich nach Br ... gehen; er wird, denke' ich, hier bleiben: und da – –
Er wird hier bleiben? fragte die Witwe, und schien durch dieses Wort ein wenig getröstet.
Ich denke' es, sagt' ich. – Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder zu Kräften helfen. Vernünftig wird er ja auch wohl am Ende werden, und wird sich erklären. Meinen Sie nicht? – Sie. lächelte wieder.
Die Witwe geriet über die plötzliche Veränderung des Tons und der Gebehrde der doctorin in nicht geringe Verwirrung. Fast musste sie glauben, dass nicht des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und dass jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse. Diese Vermutung bestätigte sich, als