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näher belehrt worden; und da er nun ihn, den Monsieur Schlicht, teils als einen Handlungskundigen, teils als einen treuen und verschwiegnen Diener, aus vieljähriger Erfahrung kenne: so habe der Herr Principal eben ihm den Auftrag gegeben, der Madame die Versicherung seiner vollkommenen Bereitwilligkeit au ihren Diensten zu überbringen, auch demnächst sich in das Comtoir des Herrn Horn zu verfügen, um sofort die etwanige Schuld bei diesem ungestümen, dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon wohlbekannten mann durch Wechsel oder baar, wie er selbst es wollen würde, zu tilgen. übrigens bitte sein Herr Principal, wenn ähnliche Fälle mit noch andern Gläubigern eintreten sollten, dass Madame sich nur gleich an Ihn wenden, und ihn überhaupt wie ihren Curator betrachten wolle, als wozu er sich mit Vergnügen erbiete. Zugleich wünsche er, mit allem Dank verschont zu bleiben, weil er durch den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei, dass er in keinem Falle bei der Unterstützung von Madame etwas wage, und sich also bei dieser kleinen gefälligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen könne. – Er, Monsieur Schlicht, ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen Hornischen Forderung, damit er dem noch übrigen Teile seines Auftrages genügen, und dem Herrn Principal die ganze Sache als völlig abgemacht berichten könne. – –

Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt: so ergriff die doctorin die Hand der Witwe, und fragte, nicht ohne töchterlichen Stolz im Herzen: hatte' ich nun Unrecht?

O meine Freundinn! – Eine solche Grossmut an einer Fremden, an einer fast gänzlich Unbekannten! – Aber ich weiss ja, wem ich diese hülfe zu danken habe.

Wem? Wem? – indem sie sich vor ihrer Umarmung zurückbeugte. – Meinem Vater; sonst keinem!

Er hat die edelste Tochter. –

kennen Sie die? – Eine Schwätzerinn ist's, die nichts auf dem Herzen behalten kann; die dem Alten Alles vorplaudern muss was sie weiss, und die ihm denn auch gesagt hat, was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundinn und von der Absicht des gestrigen verunglückten Besuches wusste. – Das ist Alles gewesen; ich versichere Sie. Kein Wort von Fürsprache, von Aufmunterung Ihnen zu helfen; kein Gedanke daran! Das hätte die Freundinn herabgesetzt, und den Vater beleidigt. Der handelt nicht, wie es ihm Andre eingeben; der handelt nach seinem eigenen Herzen.

Ich höre Sie mit einer Bewunderungeiner Empfindung – –

Lassen wir das! – Und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer, herzlicher Freundschaft. – Mein guter Schlicht, der nie viel Zeit hat, wartet auf Antwort; und ich denke doch, Sie werden ihn durch keine abschlägige kränken?

Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht, seinem Herrn Principal ihre innige Verehrung, ihre tiefe Rührung über den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu versichern; aber zugleich ihm zu sagen, dass der Gehorsam gegen den einen teil seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmöglich mache. – Ich werde Sie Selbst, lieber Herr Schlicht, mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren, die Sie ihm zu überreichen die Güte haben werden. Den persönlichen Dank behalt' ich mir vor. – Sie erlauben doch, beste Freundinn? – mit einer Wendung gegen das Seitenzimmer.

Gehen Sie, gehen Sie nur! Sie tun etwas sehr Überflüssiges; aber ich weiss, Sie würden es doch nicht lassen. –

Die doctorin nutzte die Augenblicke, da sie mit Schlicht allein war, um ihn von Allerlei zu unterrichten, was ihm zu wissen Not tat: von dem Wechsel, den ihr Mann an Horn ausgestellt hatte, um die Witwe ausser Gefahr zu setzen; von ihrem Wunsche, dass der Vater davon nichts merke, und also nicht ihr Mann quitirt werde, sondern die Witwe; von ihrer Absicht, den Bruder noch einige Tage vorgeblich auf's Land zu schicken, bis ein gewisser Entwurf gereift sei, der ihn von seiner Grille, nach Br ... zu gehen, unfehlbar zurückbringen werde; endlich von der aufhörenden notwendigkeit, das Wohlbefinden des Bruders und seine Abfahrt auf's Land, die aber erst diesen Nachmittag müsste geschehen sein, vor dem Vater geheim zu halten. – Monsieur Schlicht, mit seiner gewöhnlichen gefälligkeit, versprach, sich das Alles zu merken, und fand die Anschläge seiner lieben Frau doctorin ganz vortrefflich.

Madam Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand, auf welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war, wieder herein, und gleich nach ihr erschien ein Mädchen mit einer Flasche süssen Weins und mit Gläsern. Die doctorin verbat, indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getränke; Monsieur Schlicht, indem er seine Geschäfte zu haus vorschützte, wo er noch so Manches zu tun habe, dass die Stelle ihm unter den Füssen brenne. Die Witwe, die sich ihm für seine Mühe so gern erkenntlich bewiesen hätte, bot alle ihre Beredtsamkeit gegen ihn auf, und schon geriet er mit der seinigen sehr in's Stocken; aber die doctorin, um mit der Witwe allein zu sein, schlug sich auf seine Seite, und half ihm durch. – Ich kenne, sagte sie, meinen lieben, guten Schlicht: er tut Alles was ihm obliegt, mit grosser Treue, mit grossem Eifer; und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht übergeben ist, so hängt er daran nicht anders, als ob er, wie die Schnecke, damit verwachsen wäre. Er trägt es