Nein, nein! sagte Herr Stark. Verschone mich, Schwester! – Auch hast du mir ja versprochen – –
Wahr! Ihn der Heirat wegen erst auszuholen. Und dazu will Zeit sein. So Schlag auf Schlag geht das nicht. – Und doch mögt' ich so ungern, dass der Sonntag, wo wir ihn hier allein haben, und wo er gemeiniglich so vergnügt ist, für die Hauptunterredung verloren ginge. – Halt! Du warst ja auf dem land, Bruder? Bei einem Freunde?
Nun freilich.
Besinne dich! Du warst nicht, sondern du bist auf dem land. Mein Mann hat dir zu der Reise geraten, und heute oder gestern – mag es doch heute sein, heute nach Mittage! – bist du von hier gefahren. Indessen bleibst du bei deiner Schwester, und kannst wieder zur Stadt kommen, sobald du willst. Schlicht soll Bescheid darum wissen.
Ich glücklicher Mann! sagte der Doctor. Was für eine Frau ich doch habe!
Nicht wahr? –
Eine kluge, eine herrliche Frau! – Von einer Erfindungskraft! einer Geistesgewandteit!
Bosheit! Bosheit! rief sie. Nichts weiter! – Da will er mich nun verführen, dass ich ihm einmal sagen soll, was eine Frau doch so ungerne sagt: Mann! du hast Recht.
Die süsse Miene, womit sie jetzt aufstand, versprach einen Kuss, und der Doctor fuhr sich schon mit der Serviette über die Lippen; aber plötzlich wandte sie sich gegen die tür, befahl den Pudding zu bringen, und setzte sich ganz ehrbar wieder an ihre Stelle.
XXX.
Komm' ich nicht ein wenig zu oft? sagte die doctorin, indem sie einen Augenblick an der Zimmertüre der Witwe stillstand. Werden Sie Sich nicht bald meine Besuche verbitten?
O meine Freundiun! mir Ihre Besuche verbitten! Ich, die ich mich lieber niemal von Ihnen trennte! – Sie tun mir da eine Frage – –
Die übler klingt, als gemeint ist. Weiss ich's nicht schon, dass Sie mich recht gerne ertragen?
Ertragen! – Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen.
Ich arme! Da wär' ich ja schrecklich gestraft. – –
Man nahm jetzt Platz, und die doctorin wollte so eben auf ihr Haupttema einlenken; als ein Lehrling aus der Lykischen Handlung hereintrat, und den alten Mann von gestern ansagte, der Madam Lyk aus dem Wagen gehoben habe.
Der doctorin schoss auf der Stelle das Blatt. Schlicht? rief sie aus. Der kommt nicht anders, als wenn er geschickt wird. Was kann der wollen?
Er will, sagte der Lehrling, und schielte seitwärts die doctorin an, Madam Lyk unter vier Augen sprechen.
Nicht unter sechsen? Ei mein Gott! da muss ich ja fort. Das ist übel. – Doch wenn Sie erlauben, Freundinn; so schleich' ich mich hier in dies Seitenzimmer, und wahrlich! wahrlich! ich will dort recht fromm sein. Ich will an's Fenster und nicht an die tür treten.
Wie Sie mich quälen! sagte die Witwe. Bleiben Sie doch! Was für Geheimnisse kann er denn haben?
Wer weiss? Er mag wohl einmal auch nicht geschickt sein. Er ist noch Junggeselle.
Leichtfertige Freundinn! – Sie trat jetzt mit vieler Höflichkeit in die tür, und nötigte den Alten herein, der sogleich durch die Heiterkeit seines Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankündigte, und die doctorin in ihrer Ahnung bestärkte.
Sieh da, sagte diese: lieber, guter alter Vater! Bist du's denn wirklich? – Ach mein Himmel! Und geputzt wie ein Bräutigam, oder wie ein Brautwerber. Was stellt das vor?
Der alte Schlicht lachte herzlich. –
Wirklich, so galant hab' ich dich in meinem Leben nicht gesehen.
Man hat gut galant sein, liebe Frau doctorin, wenn man gönner hat, die auf einen was halten. – Er sah hier, wie verstohlen, auf seine neue atlassne Weste, und von der Weste wieder auf seine Wohltäterinn; mit einem Ausdruck von Dank und Liebe, der ein noch älteres Gesicht, als das seinige, hätte verjüngen können. – Die Weste war ein Angebinde der doctorin an seinem letzten Geburtstage gewesen, und er trug sie, um seiner Sendung Ehre zu machen, heute zum ersten male.
Die doctorin, von seiner Pantomime gerührt, schlug ihm sanft auf die Schulter. – Aber ist es denn wahr, lieber Alter, dass du mit Madam Lyk ganz allein sein willst? dass ich hier fort muss?
Wie so? Wie so?
Der Handlungsbursche, der dich hier anmeldete, sagte – – Ach, der Handlungsbursche ist – – Bei einem Haare hätt' er ein Kraftwort herausgestossen; aber zum Glück besann er sich noch, übersetzte den Narren, den er im Sinne hatte, in: nicht recht klug, und versicherte, dass die Frau doctorin sein ganzes Anbringen hören dürfe; sie komme selbst darin vor. –
Mit grosser Ernstaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag. – Sein Principal, sagte er, der Herr Stark, bedaure ganz ungemein, dass er gestern, wegen zunehmender Gehörschwäche, die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegönnten angenehmen Besuchs nicht verstanden, sondern diesen Besuch für eine blosse überflüssige Höflichkeit genommen habe. Er sei nachher durch seine Frau Tochter, die hier anwesende Frau doctorin Herbst – die bei dieser gelegenheit einen sehr herzlichen blick erhielt – über jene Absicht