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führen ihm jede gattin, die Sie wollen, als seine Tochter zu; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen, solange Sie in dem geist, wie seit Lyks tod, handeln; Sie haben an ihm keinen Tadler und Sittenrichter mehr; nur einen liebenden Freund, einen zärtlichen Vater.

So gern Herr Stark dieses Alles nicht bloss als Liebhaber, sondern auch als Sohn hörte, dessen Gefühle der natur und der Pflicht nie völlig erstorben waren, so nahm er es doch mehr für angenehme Vorspiegelung, als für wirkliche Hoffnung. Er beharrte darauf, dass sein erster Schritt sein müsse, von der Gesinnung der Witwe gewiss zu werden, um bei dem Versuche der Aussöhnung mit dem Vater sogleich seine Liebe erklären zu können: weil diese Aussöhnung, wenn man hinterher seine Liebe verwürfe, von keiner Dauer, und wenn die Witwe selbst ihm ihre Hand verweigerte, von keinem Nutzen sein würde. Er sei in dem letzteren Falle nun einmal entschlossen, seinen Aufentalt zu verändern. – Man stritt noch eine Weile hin und her; aber jeder blieb, wie gewöhnlich, bei seiner eigenen Ansicht: bis die doctorin, die sich ihrer Wirtschaft wegen hatte entfernen müssen, wieder hereintrat, und Mann und Bruder zu Tische abrief. Sie sagte ihnen, dass sie den Kindern besonders habe decken lassen, und dass sie drei allein sein würden, um mit voller Freiheit zusammen zu ratschlagen.

Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur Beurteilung vorgelegt, und sie entschied, nach kurzem Besinnen, für beide und wider beide. – Ihr könnt euch nur darum nicht vereinigen, sagte sie, weil Ihr Männer, das heisst, weil Ihr Starrköpfe seid, die, wie sie einmal ein Ding gesehen und gefasst haben, es immer sehen und immer fassen. – Mein Gott! so werft doch Euer beider Meinungen in Eine zusammen, und Ihr seid ja fertig.

Wie zusammen? fragten hier beide. Wie geht das an?

Ja, wenn wir Weiber nicht wären! –

Ihr holden Friedensstifterinnen! sagte der Doctor, und lachte.

Das sind wir, mein Herr; das sind wir. Davon sollen Sie gleich die probe sehen. – Du, Bruder, willst vorher der Liebe deiner Witwe gewiss sein, ehe du mit dem Vater sprichst. Nicht?

Allerdings.

Und du, Herr Gemahl, willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden wissen, eh' er mit der Witwe Richtigkeit macht?

Nicht anders.

Nun, was zankt Ihr Euch denn? Da gibt's ja gar keine Schwierigkeiten. Das geht ja ganz vortrefflich zusammen. – Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste Gewissheit von dem Ja der Witwe, ohne gleichwohl dieses Ja ausdrücklich zu fordern; und der Bruder, wenn er diese Gewissheit hat, gönnt dem Vater vorher das Wort, eh' er der Witwe seine Anträge macht. Dann wird er ja hören, und nachdem er hört, kann er handeln. Der Vater darf nicht klagen, dass der Sohn ihn vernachlässiget habe, und der Sohn darf nicht fürchten, dass er von einer oder der andern Seite in Verlegenheit komme. – Lässt sich etwas Leichters, etwas Einfacheres denken?

Aber ich sehe nicht ab, sagte der Doctor, wie du, ohne förmlichen Antrag, des Ja der Witwe gewiss werden kannst.

Armer Mann! Das siehst du wirklich nicht ab? – Sage mir doch: wie nanntest du jüngst ein Gesicht, woran du gewiss vorher weisst, dass dein Kranker dir sterben werde?

Ein hippokratisches etwa?

So ungefähr. Ja, so klangs. – Nun, die Freiheit der armen Mädchen und Witwen, wenn sie im Abfahren begriffen ist, hat eben ein solches hiphipwie heisst es?

Hippokratisches Gesicht.

Richtig! – Und darauf verstehn nun wir Weiberwir klugen, mein' ichuns eben so gut, als Ihr Euch, Ihr gelehrten Herrn Doctoren, auf jenes. – Heute Abend, Bruder, hast du von der Witwe volle Gewissheit, ohne dass ich gleichwohl das Mindeste mit ihr richtig mache.

Aber, Schwester, sagte Herr Stark, wenn du deine Gute gegen mich vollenden wolltestich wünschte von dir noch Eines.

Und was?

Dass du, ehe ich mit dem Vater spräche, auch seine Gesinnung in Absicht dieser Heiratnicht eben geradezu, nur von weitem, ganz von weitemerforschtest. Ach, das würde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich erleichtern.

Kann geschehn! sagte die Schwester.

Er soll ja sein Vorurteil gegen die Witwe schon halb verloren haben?

Das hat er. Schon mehr als halb. – Aber, lieber Mann, wie ist's denn mit dir? Du wirst doch auch etwas tun.

Was in meinen Kräften stehtgerne. Ich bin des Unfriedens in der Familie schon so überdrüssig! –

Morgen, weisst du, ist Sonntag, und der Vater isst hier zu Mittage. – Wie, wenn du ihn da in dein Zimmer nähmst, und ihn zur väterlichen, freudigen Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest? wenn du ihm den Bruder von seinem letzten Geschenke so gerührt schildertest, so dankbar, so gut

Dass er ihn selbst wieder zurücksehnte?

Nun ja!

Mit Vergnügen. – Aber dann wird er sogleich, wenn er den Bruder gesund glaubt, ihn rufen lassen, oder wenn er ihn noch für krank hält, zu ihm, hinaufgehn und ihn umarmen.

Er umarmt nicht so leicht. –