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und der Verlegenheit der Witwe, durch Verwendung seines Credits für sie, ein Ende zu machen.

Die Herzensfreude des guten Schlicht über Alles was ihm vertraut ward, am allermeisten aber über die Ehre dieses Vertrauens selbst, war so gross, dass Herr Stark den Strom der Beredtsamkeit, womit sich der alte Mann über jeden einzelnen Punct dieser Erzählung auszubreiten im Begriff war, durch ein stets wiederholtes und immer stärkeres: Hör' Er doch! Wir werden ja vor Abend nicht fertig! kaum zu hemmen vermogte. – Aber wie plötzlich stand und gefror dieser Strom, als Herr Stark hinzu setzte: dass er nicht gesonnen sei blindlings zu verfahren, sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle, ob die Activa der Witwe ihre Passiva wenigstens balancirten, und in wie kurzer oder wie langer Zeit etwa Hoffnung sei, dass sie völlig aufs Reine kommen und mit allen ihren Gläubigern auseinander sein werde. Da mein Sohn, sagte er, die Lykischen Bücher durchgearbeitet, und also von der ganzen Lage der Handlung die vollständigste Kenntniss hat: so ist dies von ihm ohne Zweifel besser, als von der Witwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren, der wohl ohnehin nicht der tätigste und geschickteste sein mag. Geh' Er also gleich zu meinem Sohne hinauf, Monsieur Schlicht, und lass' Er Sich über die angegebenen Puncteer wiederholte ihm diese Puncte langsam und deutlicheine recht bestimmte, ausführliche Nachrichthört Er? recht bestimmt und recht ausführlichgeben. Ich muss jetzt fort; aber in einer Stunde längstens bin ich zurück, und erwarte alsdann Seine Antwort. Nachdem die lauten wird, will ich Ihm dann schon weiter sagen, was Er zu tun hat. – Es wäre unmöglich gewesen, dass Herr Stark die plötzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht hätte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen, wenn nicht eben jetzt, zu grossem Glück für Monsieur Schlicht, die alte Wanduhr geschlagen, und mit ihrem ersten lärmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn plötzlich eine andere Richtung gegeben hätte. Es war die höchste Zeit geworden, auf die Börse zu gehen, wo Herr Stark gerade heute ein Geschäft von so grosser Wichtigkeit hatte, dass er nicht schnell genug glaubte hineilen zu können. Mit einem kurz abgebrochenen: Adieu! Mach' Er Seine Sachen gut! griff er hastig nach Hut und Stock; und verliess den armen rat- und hülflosen Monsieur Schlicht, der unbeweglich wie eine Salzsäule dastand, und das einzige Wörtchen Ja! – bis zu welchem seine ganze Beredtsamkeit jetzt versiegt warmit immer längeren Pausen, und immer schwächerem Tone, hinter Alten her sprach.

XXVII.

In seiner Seelenangst, da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so gern erhalten hätte, und doch auch nicht wusste wie er es anfangen sollte, irrte Monsieur Schlicht, wie ein Unkluger, im ganzen haus umher; und kam zuletzt auch vor das Zimmer des jungen Herrn, ohne selbst zu wissen was er da wollte. – Man denke sich sein Erstaunen, als er das Zimmer geöffnet, und den Gegenstand seiner sehnsucht mit aufgestütztem arme am Tische dasitzend fand. Er kreuzte und segnete sich, eh' er ihm näher trat, und ihn mit zitternder stimme fragte: ob er's denn wirklich wäre?

Da glaubst doch nicht an Gespenster? sagte der junge Herr Stark.

Ach mein Gott! Wenn's nicht heller lichter Tag wäre; man mögt's beinahe. – Wie, um's himmels willen! kommen Sie hier herein?

Von hinten, mein lieber Schlicht. Durch den Torweg.

Ha! – Stand der offen?

Sperrweit. –

Nun, so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen! Er hat Holz gefahren, der Schlingel! und hat mir den Torweg offen gelassen.

Monsieur Schlicht, in seiner ökonomischen Wut, wollte augenblicklich hinunter, um den Knecht rechtschaffen auszufenstern. – Aber, sagte Herr Stark, ist's dir denn nicht lieb, alter Vater, dass ich mich auf diese Art habe in's Haus schleichen können?

Ach ja! ja! erwiderte Monsieur Schlicht: gar zu lieb! und ich will ja auch dem Kerl noch ein Trinkgeld, ein gutes Trinkgeld geben; mit tausend Freuden! – Aber ausschimpfen muss ich ihn erst, und muss erst sehen ob Alles zu ist. Wir haben Diebsbanden hier in der Stadt. – –

Das geheimnis von der frühen Zurückkunft des Herrn Stark war kein andres, als seine zur vollen leidenschaft gediehene Liebe zur Witwe. Diese machte ihn für jede Gesellschaft, so wie jede Gesellschaft für ihn, ungeniessbar. Sein Freund, der die unglückliche Stimmung seines Gemüts bald genug inne ward, suchte ihn auf alle mögliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern: er brachte gespräche auf die Bahn, in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwikkeln konnte; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie für ihn an; er schlug gesellschaftliche, muntere Spiele vor, bei denen sonst lachen und Scherz nie fehlen: aber Alles vergebens. Im Gespräch gab Herr Stark, wenn von Java die Rede war, über Jamaica Antwort; auf der Jagd liess er die Hasen, die man ihm fast vor die Füsse trieb, ungesehen davon laufen; und zu den Spielen war er so unlustig oder nahm sich dabei so linkisch, dass sie fast eben so schnell wieder abgebrochen, als angefangen wurden. Endlich, wie leicht zu erachten, ward man der