so ähnlich sahen, als die Sünde der Tugend. Das eine war eine verlaufene Engländerinn, das andre eine Tänzerinn aus der Oper. Narren von Männern hatten solche Weiber geheiratet. – Diese Vorfälle lagen dem alten Mann auf dem Herzen; und auch die Lyk war eine aus der Fremde hieher Gekommene, eine ihm völlig Unbekannte. – Was er zu Ihnen sprach, war nur als Frage zu nehmen, die Sie nicht so leichtsinnig und so beharrlich zum Nachteil einer würdigen Frau – denn das konnte sie wenigstens sein, und das ist sie – Hätten beantworten sollen.
Aber ich wusste ja nicht, mein Herr Doctor – ich wusste so wenig, als der Herr Stark – –
So wussten Sie doch dies, dass Sie nicht wussten. – Und eben dies, mein Herr Specht, war die Wahrheit, die Sie als ehrlicher Mann hätten bekennen müssen.
Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Da hätt' ich ja doch widersprochen.
Nun? Und wenn Sie nun widersprachen?
So einem mann? so einem Herrn? In alle Ewigkeit nicht.
Wahrheit, Herr Specht – merken Sie Sich das für die Zukunft! – Wahrheit nach Ihrer besten erkenntnis sind Sie nicht bloss Ihrer Ehre, sondern auch Ihrer Glückseligkeit schuldig. Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten. – Die Art, wie man die Wahrheit sagt, macht den Unterschied; sonst sagt man sie dem Könige, wie dem Bettler.
Ach mein Herr Doctor! Wenn Sie doch nur wären, wie ich!
Sie sind sehr gütig. –
Da sitzt man und sorgt und grübelt, und hat Frau und Kind auf dem Halse, und weiss oft vor Angst nicht, wo aus wo ein; und wenn man denn da in so ein Haus kommt, und alle die grossen Kisten sieht, und die ungeheuren Ballen mit Waaren, und das Gerenne und Getreibe der Leute, und die Frachtwagen, die ab- und die aufgeladen werden, und das ganze volle Dutzend Pferde davor: – ach Herr Doctor! es wandelt einen eine Ehrfurcht an, ein Respect! – Wo um Gotteswillen! nähme man da den Mut her, auch nur zu muchsen?
Der Doctor fasste jetzt seinen Mann ein wenig scharf ins Gesicht, und wollte kein Wort weiter an ihn verlieren. Er versprach ihm auf sein ängstliches Bitten, bei dem alten Herrn Alles wieder in's Gleis zu bringen, schrieb ihm ein Recipe zu einem niederschlagenden Pulver, das er sich in der nächsten Apoteke sollte machen lassen, und wünschte ihm wohl zu leben.
XXV.
Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurteil, als durch den armen Tropf von Paten hintergangen war: so war doch der blosse Schein von dem letzteren ihm ärgerlich; und noch ärgerlicher, dass er bei dieser gelegenheit die Fassung verloren, und dadurch jenen Schein bestätiget hatte. Er fühlte recht gut, dass er die Sache nach seiner gewöhnlichen Art, mit lachendem mund, hätte abmachen können. Indessen gereichte dieser Fehler, wenn es ja einer war, ihm zur Ehre: denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekränkten Eigenliebe, als in der Rechtschaffenheit seines Herzens, das ihm alle gegen die Witwe begangenen Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf, und ihm denjenigen der dazu mitgewirkt hatte, in einem nicht mehr lächerlichen, sondern gehässigen Lichte zeigte.
Die Tochter, die teils durch Madam Lyk, teils durch ihren Mann, von allem Vorgefallenen genau unterrichtet war, glaubte die Herzensstimmung worin sie den Alten vermutete, zu ihrem Zweck benutzen zu müssen. Sie machte ihm einen nur ganz kurzen, flüchtigen Besuch, bei dem sie sich nicht einmal setzte, aber gleichwohl mit sichrer Hand alle die saiten anschlug, die sie in dem Herzen des Vaters als die empfindlichsten kannte. Den Vorwand zu diesem Besuche musste die Bitte geben, die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie getan hatte, ihm von dem Befinden der Witwe Nachricht zu bringen.
Entschuldigen Sie mich, sagte sie, lieber Vater, dass ich Ihren Befehl erst so spät erfülle. Aber am Vormittage machten es mir Geschäfte, die ich nicht aufschieben konnte, unmöglich; auch hielt ich mich da bei der Witwe nicht lange auf: diesen Nachmittag habe ich mich etwas länger verweilt, und komme so eben – aber ich muss sagen, mit recht schwerem recht bekümmertem Herzen – von ihr.
Wie so? fragte der Alte nicht ohne Teilnahme. Hat der Zufall sich wiedergefunden?
Das nicht. Sie leidet nicht sowohl am Körper, als am Gemüte. – Das arme Weib fürchtet zu grund gerichtet zu werden, weil ein gewisser Horn, der ihr Gläubiger ist, entweder bezahlt sein, oder gegen sie losbrechen will.
Horn? – Wenn sie mit dem zu tun hat – – Leider!
Da beklag' ich das gute Weib. Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen. – Aber ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit, in Verwirrung? Ich glaubte, dein Bruder hätte Alles in Ordnung gebracht.
Das glaubt' ich auch; aber – er mag Termine gesetzt haben, die nun nicht ganz können gehalten werden.
Das sollte mir leid um ihn tun.
Oder er mag – – Ja, wenn ich Handlungskenntnisse hätte; da riete ich weiter, mein lieber Vater.
Lass gut sein! Es ist da Mehreres möglich. –
So viel weiss ich denn jetzt, warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen gewesen ist.
Nun? –
Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn.