Papiere zurückgegeben.
Nun! sagte der Doctor – weil ich sehe, dass Sie mit Ihrem Geschäfte fertig sind, mein Herr Specht – wie geht's Ihnen? wie befinden Sie Sich?
Specht, unter tiefer Verbeugung, wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie beschrieb, dankte tausendmal für gütige Nachfrage, und versicherte: er sei wohl.
Und zu haus – die Frau Liebste? die Kinder?
Alles, alles wohl, mein verehrtester Herr Doctor.
Nun, das ist schön; das erfreut mich. – Wie sieht's denn jetzt in Ihrer Nachbarschaft ans? Was macht Madam Lyk?
Hehehe! Die lebt denn immer so fort, ganz im Stillen. – Wie's einer Witwe denn auch nicht anders ziemt. Ganz im Stillen.
Vormal war es dort nicht so stille. Da war gewaltiger Lärm.
Ach, das sagen nur der Herr Doctor noch einmal! Lärm bei Nacht, wie bei Tage. Keinen Augenblick hatte man Ruhe. – Das war ein Geschrei, Gefahre, Gelaufe, Getümmel; und wenn Ball oder Maskerade war, ein Gefiedel, Geflöte, Geblase, Gepauke – man hätte mögen von Sinnen kommen. Meine Frau hat dabei in dem einen Wochenbette was Rechts gelitten. Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr übel, als der Madam, dass man so gar keine Rücksicht hatte, und so schnell nach ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing. – Sie konnte seitdem die Frau nicht mehr ansehn. – Es war auch wirklich recht gottlos.
Freilich! Die kurzen sechs Wochen über hätte man sich schon ein wenig still halten können. – Aber ob denn die Wirtschaft nicht bald wieder angehen wird?
Damit hat's denn wohl so seinen Haken. – Er kniff das eine Auge ein wenig, und glaubte Wunder, wie verschlagen er aussähe.
Wie so? – Der Mann ist doch lange genug unter der Erde. Die grosse Trauer ist aus.
Das wohl; aber – – Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar mal über den Zeigefinger, und zuckte dabei die Achseln. – Wo einmal das fehlt, mein lieber Herr Doctor – –
Ja, das ist wahr; da fehlt Alles. – Und aufgeräumt mag die Frau unter den Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben; das will ich glauben.
Ein wenig? Hehehehe! –
Aber wenn nur noch etwas, auch nur noch ganz wenig da ist; ein kleines, unbedeutendes Restchen: – solche Menschen, die einmal in der Jugend nicht rechnen gelernt haben, sind wie vom Bösen besessen. Sie haben nicht eher Ruhe noch Rast, als bis sie Alles, schlechterdings Alles, auch den letzten Pfennig durchgebracht haben. Erst müssen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben; eher ist kein Aufhören bei ihnen.
Ja, das kann auch hier noch so kommen. Ich widerspreche keinen Augenblick, mein Herr Doctor. –
Der Alte, der sehr wohl merkte, wo der Doctor hin wollte, hatte sich im rücken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt, und hielt sich ganz ruhig. –
Eins wüsst' ich nur für mein Leben gerne, hob der Doctor wieder an: nicht, wer von beiden Teilen allein und ausschliessend; – denn dass beide nicht viel getaugt haben, ist mir gewiss – aber wer wohl so am meisten und vorzüglich, an dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem haus Schuld gewesen ist: ob die Frau, oder der Mann?
Die Frau! die Frau, mein lieber Herr Doctor!
Doch? – Sie sind freilich der nächste Nachbar; Sie können das wissen.
So wie die Frau nur den Fuss ins Haus setzte, ging's los.
Ja, das sagt man. – Aber ich habe neulich ein paar recht wackre Männer über die Frage streiten hören, und da meinte der eine: dieser Umstand beweise wenig, beweise nichts; es sei ganz und gar nicht die Frau, sondern – was ich nun freilich für übertrieben halte – einzig und allein der Mann gewesen, der allen den Unfug getrieben.
Ach, wer das auch mag gesagt haben, mein liebwertester Herr Doctor – mit aller Hochachtung von ihm gesprochen –
Nehm' Er Sich in Acht, sagte der Alte aus seinem Hinterhalte. rede' Er nicht allzuviel!
Wie so? wie so, mein bester Herr Pate? Ich hatte nichts Böses im Sinne. – Die Frau ist von Ansehn recht artig, und ich mögte fast sagen, schön – was ich mich zwar zu haus bei leib nicht dürfte merken lassen, hehehe! – und da, meint' ich, könnte einer der jungen Herren, die immer um sie herum waren – –
Sich in sie vergafft haben? rief der Alte mit lachen; jaja! – Und so einer will denn nichts auf sie kommen lassen. Das ist begreiflich. – Ich selbst kenne einen sonst braven Mann, der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit allerlei Damen rühmt; und eben der – –
Der wird's sein, sagte Herr Specht: der wird's sein; ganz gewiss!
Der Alte und der Doctor lachten von Herzen, und Herr Specht blieb ihnen sein Hehehe! auch nicht schuldig. – Er trocknete sich die tränenden Augen, und versicherte, dass er nirgend in der Welt so froh sei, als bei dem liebwertesten Herrn Paten.
Aber, nahm der Doctor wieder das Wort: nun einmal im Ernst, lieber Herr Specht! – Dass Sie keinen