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verloren, Madam; Sie hatten eine sehr vortreffliche Schwiegermutter. – Freilich war sie im grund nur Hausfrau; aber mehr zu sein, kam ihr auch nie in den Sinn: der Mann, glaubte sie, gehöre der Welt; die Frau, dem Mann und den Kindern. Das war so der ehemalige alte Glaube, worin man die Töchter erzog, und wobei nun freilich die Mädchen nicht so fein und niedlich wie jetzt, aber dafür desto braver und wirtschaftlicher, und einem mann der an sein Fortkommen dachte, desto lieber und werter wurden. Der alte Lyk sagte mir oft, dass er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott betrachte, und dass er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umständen sein würde, als er es wäre. Er liebte und achtete sie ungemein; auch wohl mit deswegen, weil sie ihm viele Ehre machte: denn sie galt in der ganzen Stadt für die beste und erfahrenste Wirtinn, und war für unsre Weiber, in jeder häuslichen Angelegenheit, das allgemeine Orakel. – Dabei war sie nichts weniger, als peinlich, oder gar mürrisch: Sie hätten sehen sollen, Madam, mit wie einnehmender Freundlichkeit sie den Gästen entgegen kam, die der alte Lyk fast jedesmal von der Börse mit sich brachte; wie sie sich freuen konnte, wenn bei der Bewirtung, die immer nur bürgerlich, aber reichlich und anständig war, ihre Gerichte schmeckten, und wenn, die kleine Gesellschaft während dem Essen recht gesprächig, recht laut ward. Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann, der alle ihre Blicke verstand; und sobald er gewinkt hatte, war sie in zwei, drei Sprüngen zum Keller hinunter, und holte selbst von dem besten alten Rheinwein herauf, der uns dann noch beredter, noch fröhlicher machte. – sehen Sie, Madam! Mit so einer liebreichen, frohen, wirtschaftlichen, Hausfrau waren wir damaligen Männer über und über zufrieden, und nannten sie, wie sie's auch wirklich war, unsern Schatz und unser Herz; heute zu Tage, wo sich der bürgerliche Ton immer mehr in den adlichen, auch wohl hie und da in den fürstlichen hinaufzieht, wären das gemeine, abgeschmackte Ausdrücke: da nennt man, glaube' ich, die Frau mein Kind; aber ich weiss doch kaum, wen ich glücklicher preisen soll, ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze, oder den jetzigen mit dem kind. – Doch Sie verzeihen, Madam; ich plaudre da ein Langes, ein Breites, und weiss selbst nicht, wozu? Denn dass andre zeiten andre Sitten bringen, ist ja natürlich. –

In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich wieder so manches Empfindliche, dass die Witwe den Zweck ihres Besuchs nun völlig aufgab, und sich Herrn Stark auf der Stelle würde empfohlen haben, wenn nicht ein jäher Schwindel, in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu tanzen anfing, ihr das Aufstehen verboten hätte. Gleichwohl musste sie dieses Aufstehen versuchen, als sie sich plötzlich von zwei weiblichen Stimmen begrüssen hörte, worunter sie die der doctorin sogleich unterschied. Die liebe Neugier hatte diese und die Mutter herbeigeführt: die eine, um zu erfahren wie es stände, und um nötigenfalls die Witwe zu unterstützen; die andre, um eine person näher kennen zu lernen, die ihrem Sohne so verpflichtet, und wie man ihr nicht verborgen hatte, zugleich ihm so wert war.

Mein Gott! was ist Ihnen? rief die doctorin aus, die den Zustand der Witwe auf den ersten blick erkannte, und ihr rasch entgegensprang, um sie zu halten. – Wohl gar in Ohnmacht? fragte erschrocken Madam Stark; und: Nimmermehr! rief verwundert der Alte; während die Kranke aus den Armen der doctorin auf das Canapee glitt, und plötzlich ohne Atem und Farbe, wie eine Leiche, dalag. Die doctorin rief nun laut um Hirschhorngeist; die Mutter eilte in die Küche nach frischem wasser; Herr Stark holte Hofmannischen Liquor; und in kurzem war auch Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung. – Endlich war Madam Lyk in so weit wieder hergestellt, dass sie sich getraute, zu Fuss und ohne Begleitung nach haus zu kommen. Aber das gab niemand zu, und am wenigsten der alte Herr Stark, der sich überhaupt so gütig und herzlich benahm, dass die Witwe an seiner Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward. Er liess einen Wagen holen, in welchen, nach seiner Anordnung, die doctorin zuerst hineinstieg, um, während man der Witwe von aussen nachhülfe, ihr von innen die Hand zu reichen. Auch Monsieur Schlicht, der trotz seines Alters noch sehr berührig und kraftvoll war, musste hinein, mit der Anweisung: sobald der Wagen hielte, herauszusteigen, um Madam Lyk den Arm zu bieten, aber ja, wenn sie wieder schwächer würde, erst hülfe aus dem haus zu rufen, und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu verlassen. –

Nun? fragte der Alte, sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah: kannst du mir sagen, was das hiess? was das vorstellen sollte? Ich für mein teil verstehe kein Wort. – Die Frau kommt am frühen Morgen gegangen, und reisst mich aus meinen Geschäften: ich denke nicht anders, als sie will Wechsel auf England oder auf Holland kaufen; aber am Endewas hat sie bei mir zu tun? – In der Welt Gottes nichts, als in Ohnmacht