1801_Engel_012_3.txt

weil es mir nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was hab' ich denn verloren, wenn ich verlor?

Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit.

Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben? Soll ich immer so fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschränken, wie Sie? eben so – –

Nun, was stockst du? Sprich aus!

Eben sobei Talern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen?

Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem nichts in der Welt so unerträglich schien, als dass Kinder ihre Eltern über den freien Gebrauch eines selbsterworbenen Vermögens richten sollten. – dachte' ich es doch, dass der junge Mensch noch würde mein Vormund werden! Wegzuwerfen? Was verstehst du darunter? Was heisst bei dir wegwerfen? Sprich! – Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am arme. – Seinen Beutel für jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand braucht; etwa das?

Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener stimme. Wenn sie es alle wären!

O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht, ehe ich gebe. Und was nennst du denn wegwerfen? Sprich!

Sie borgen Allenohne das Geringste davon zu haben.

Tor! Ohne das Geringste davon zu haben? – Er zog die Hand von seinem arme, und gab ihm einen blick voll Verachtung. – Ich habe das davon, zu sehen, dass es meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest du das für nichts? – Und wenn sie mich einst die lange Strasse hinabtragen, und ich hier Alles dahintenlasse; so hoff' ich, es soll da Mancher mit Tränen in seinen Augen sprechen: "Schade um den rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand zu danken. Ich war in Not und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte bei Ehren bleiben." – Bei dir hingegen. – – Doch was stehe ich da und predige in den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, dass es eine gescheidtere wäre! – Nur immer wieder an deine Arbeit! schreibe! schreibe!

III.

Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch, und achtete wenig darauf, dass der Sohn eine geraume Zeit mit grossen, heftigen Schritten umherging. Er hatte den Grundsatz, dass man einem geschlagnen, weinenden kind Zeit lassen müsse, um auszuschnucken, und dass es unvernünftig sei, von einer aufgeregten leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern. Der Kampf im Herzen des Sohnes würde sich auch wahrscheinlich, wie schon so oft, zum Vorteil der kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden, und Alles würde seine vorige Gestalt angenommen haben: wenn nicht unglücklicher Weise ein Mensch hereingetreten wäre, der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache verhasst war. Es war ein gewisser Herr Specht, einer der kleinen Anfänger, die auf die Güte des alten Herrn bei jeder gelegenheit Anspruch machten, und die für die Wünsche des Sohns nur allzuoft darin glücklich waren. Dieser hier hatte den Vorzug vor allen Übrigen; denn er war Pate und Gevatter zugleich: Verhältnisse, die dem Herrn Stark, nach alter Sitte, noch sehr wichtig und ehrwürdig schienen. Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte, war der aus gewissen aufgefangenen Reden geschöpfte Verdacht, als ob Herr Specht eine junge liebenswürdige Witwe, Madam Lyk, die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater sehr wenig galt, bei letzterm angeschwärzt, und ihm Veranlassung zu allen den bittern Glossen gegeben hätte, womit er dann und wann über sie herzufahren pflegte.

Ei! sagte nach seiner gewöhnlichen gleissnerischen Art der Herr Specht, indem er gerade beim Hereintreten zu seinem grossen Verdruss auf den Sohn stiess, der noch immer umherging: – Ei mein wertster Herr Stark! Gleich hier an der Schwelle bin ich so glücklich – –?

Seine tiefen Verbeugungen und seine süssen Mienen hatten dem Sohne noch nie so fade und unausstehlich geschienen, als jetzt. – Was giebts? Was solls? fuhr er den ganz erstaunten und erschrocknen Besuch ein wenig unartig an.

Himmel! sagte Herr Specht, und griff wieder nach dem Drücker der tür; ich hoffe doch nicht, dass ich ungelegen komme? dass ich Störung verursache?

Es wäre möglich. Die Zeit ist edel, mein Herr. –.

Ja wohl! ja wohl! Schon bei unser einem; und erst vollends bei Ihnen! bei einem mann, der solche Geschäfte macht, solch ein Werk führt! – Wahrlich, ich begreife oft nicht – –

Was es gibt? Was Sie wollen? Hab' ich gefragt. – Borgen etwa? noch ehe die alte Schuld ganz getilgt ist? – Oder wieder Nachrichten von der Witwe, Ihrer Nachbarinn, bringen? – Da! Wenden Sie Sich an meinen Vater, und nicht an mich! –

Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war, und nicht wusste, ob er gehen oder bleiben, ob er schweigen oder antworten sollte, drehte der alte Herr Stark, dem nachgerade das Gehör ein wenig schwach ward, und der nicht wusste, ob er etwas und was er hörte, sich auf seinem stuhl herum, und half ihm durch ein freundliches Willkommen! von seiner Herzensangst. – Der Sohn warf sich wieder an seinen Tisch, um weiter zu schreiben.

Nun? Und was steht