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des Herrn Wraker, und fand auch an ihr eine Seite, von der sie ihm gar nicht mehr so töricht und lächerlich vorkam. – Der Bräutigam, sagte er, ist freilich ein altes morsches Geripp von mann, das eher für den Sarg als für's Ehebett taugt, und die Braut eine ziemlich missgeschaffne, klapperdürre Schöne, deren hervorstehender Zahn und blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht; aber, Monsieur Burg! sehe' Er einmalich bitte' Ihnvon diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die Nebenpersonen, die kleinen hülflosen Kinder! Wie, wenn die Mutter bei sich selbst überlegt hätte, dass sie nur herzlich arm, und dass Armut eine rauhe Witterung ist, worin solche zarte junge Pflänzchen leicht ersterben oder verkrüppeln? wenn sie die ihrigen an die sanftere mildere Luft der Wohlhabenheit hätte bringen wollen, um ihnen ein froheres Wachstum, ein schnelleres Gedeihen, zu sichern? Dann wäre, von ihrer Seite, die Heirat schon nichts so gar Törichtes mehr, eher etwas sehr Mütterliches und Kluges. – Und von Seiten des alten Wraker? Wie, wenn auch der sich durch Gründe hätte bestimmen lassen, die weit mehr unsre Billigung, als unsern Tadel, verdienten? wenn er, nach einem Leben voll Ausschweifungen, noch zu guter letzt etwas Verdienstliches hätte tun, und das Glück von ein paar unschuldigen Wesen hätte gründen wollen, die es vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten? – Freilich kränkt er darüber den guten Neffen, der sonst sein nächster Erbe gewesen wäre; abermag er gedacht habenein Mann wie der, der so reiche Hülfsquellen in sich selbst hat, und der zu so einem Verluste nur lacht – –

O, das tu' ich auch; das tu' ich recht von Herzen! sagte Monsieur Burg, indem er mit grinsender Miene, die ein verachtendes lachen ausdrücken sollte, sein Oberschälchen umwandte, und sich empfahl. –

Die Tochter ergriff die Hand des Vaters, um sie zu küssen. – Das tu' ich im Namen der Kleinen, sagte sie: für die Sie Sich so nachdrücklich erklärt haben. – Ach, was solche arme kleine Waisen mich jammern! – So oft mir dergleichen vorkommen, mögt' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben, den ich ihnen wieder zum Vater gäbe. –

Und der Witwe zum mann; nicht wahr? Denn warum er sonst eben jung sein sollte – –

Wie? Das sehen Sie nicht? – Damit er mir nicht zu früh wieder wegstürbe; und ich dann neue Not mit den Kindern hätte.

Sieh, sieh! sagte der Alte. kommt's so herum? Fein genug!

Aber Sie wollen vielleicht, dass Witwen nur lauter schwache, gebrechliche Männer heiraten sollen; Krückenstösser, wie den Wraker, die zu nichts weiter taugen, als fremder Leute Kindern Brot zu verschaffen? – Die armen Witwen! –

Ei nicht doch! nicht doch! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind – – denn das gesteh ich dir: eine Heirat zwischen einem jungen mann und einem alten weib ist mir zuwider. –

Das ist sie wohl jedem. – Nein; meine Witwen sind so im Anfang der zwanzig, sind überdies noch brav, gefällig, haushälterisch, fromm – –

Aber hässlich; nicht wahr?

Behüte Gott! Eher schön.

Nun, was fragst du denn lange? – Gieb sie, an wen du willst, an die jüngsten und die wackersten Männer! Ich bin es herzlich zufrieden. – Brav, Väterchen! Herrlich, Väterchen! dachte die Tochter; wir wollen dir dieses Wort zu seiner Zeit wieder vorhalten. Es geht dich näher an, als du wohl denkst. – Und nun machte sie sich auf leichten Füssen davon, um nach Art braver Eheweiber, die für den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben, dem ihrigen alles Vorgefallene zu berichten.

XXI.

Ist wohl nicht möglich! – sagte Herr Stark, als Monsieur Schlicht mit der Nachricht hineintrat, dass Madam Lyk ihn zu sprechen wünsche. – Er wird sich verhört haben, mein lieber Schlicht. Meinen Sohn wird sie sprechen wollen.

Nein, Sie! Sie! Ich hab' ausdrücklich gefragt.

Hm! Also mich? In der Tat? – Nun, so führ' Er sie gegenüber in das Besuchzimmer. Ich werde' erscheinen. – Was in aller Welt kann das sein? Wie komm' ich zu einer so galanten Visite? – Es ist ja wohl kaum halb zehnindem er nach seiner Uhr sah; – und die Frau ist schon auf? ist schon angezogen? hat schon ihre Chocolade getrunken? Das ist ja ganz ausser der Regel! – Er trat, seiner Gewohnheit nach, vor den Spiegel, um sich den Stutz, gerade zu rücken. – Wirst schon wieder schief zu stehen kommen, sagte er lächelnd; aber, mein guter Stutz – – Glück werden wir ohnehin nicht mehr machen. Wir sind zu alt, sind so sehr ausser der Mode. – –

Ich sollte erröten, sagte die Witwe, die durch das Studium einer ganzen langen Nacht keinen bessern Eingang hatte ersinnen können; ich sollte, wegen der Störung und des Zeitverlustes, die ich verursache – –

Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre stimme so sehr gedämpft, dass der Alte, der nach Art der Schwerhörigen ihr scharf ins Gesicht sah, und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte, nur aus