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Er beugte sich gegen den Doctor vor, und setzte mit einem kleinen ungläubigen Kopfschütteln hinzu: Sie haben mich ganz neugierig gemacht. Was für Wunderdinge werde' ich denn hören?

Der Doctor hatte keine Not, unter den Beweisen von dem Edelmute seines Schwagers zu wählen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem Gedächtniss. – Sie erinnern Sich doch, fing er an, des unglücklichen Verhältnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu welchen boshaften, verläumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige Mann durch kaufmännischen Eigennutz hatte verleiten lassen?

Ich weiss das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte: wenn's zu Ihrem Zwecke nicht unumgänglich nötig ist, so lassen Sie's ruhen! – Als der Mann sich hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran in sein Grab.

Edel! – Und wahrlich! will dort' ich sie nicht wieder hervorziehn. – Nur gestehen Sie: dass es noch edler, als blosses Vergessen ist, wenn man so bittre Beleidigungen, die für den Menschen nicht minder kränkend, als für den Kaufmann waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, mühsamsten Diensten erwiedert.

Und wer tat das? fragte der Alte begierig.

Ihr Sohn. – Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber so heftig und sein Körper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemüts vereitelt. Ich suchte ihr auf den Grund zu kommen; und es fand sich, dass er die schmerzlichste sehnsucht fühlte, sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und dass er nicht ruhig glaubte sterben zu können, wenn er nicht durch die aufrichtigste und wehmütigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert hätte. Ich erbot mich zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglücklichen Mann zu besuchen; so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier oder an einer natürlichen Herzenshärte, sondern bloss an seinem allgemeinen Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen könnte. Als er sich endlich entschloss mir zu folgen, und nun den Unglücklichen ansichtig ward, der ihm unter lautem Schluchzen die zitternden arme entgegenstreckte; da war auf einmal jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, dass er mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zustürzte, und ihn mit Inbrunst umarmte. Das Menschliche, Edle, Grossmütige seines Benehmens rührte jeden Gegenwärtigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmütigste bin, bis zu Tränen. Wie viel Mühe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen, und ihn von einem Bekenntniss zurückzuhalten, das für ihn so beschämend und kränkend sein musste! Aus wie vollem Herzen strömte ihm das Wort der Versöhnung, als ihm seine innre Erschütterung es endlich auszusprechen erlaubte! "Fordern Sie, sagte er, fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn er irgend in meinen Kräften steht, so beteur' ich Ihnen vor Gott: ich will ihn mit Freuden geben. Kann ich Ihnen, kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in diesem Augenblicke? kann ich's in der Zukunft? Womit? Womit? – Ich erwarte nur Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer sein mag – –"

Der Alte sass in seinem Sessel, vor lauter Zuhören, so stille, dass er kein Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zurückzustossen, und jetzt auf einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper.

Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklärung des Bruders zu einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheuren Arbeit kennen lernte, die ihre Erfüllung kostete. Er gestand, dass seine Handlungsgeschäfte in Verwirrung, seine Bücher in nicht geringer Unordnung wären.

Das will ich glauben, sagte der Alte.

Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmündigen Kleinen, wenn ihn Gott von der Welt rufen sollte.

Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche.

Der auch wohl sicher erfolgt wäre, wenn die unermüdbare Geschäftigkeit Ihres Sohnes nicht getan hätte.

Wie? –

Das geständnis des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein heiliges Wort gab: dass er auf den Fall Seines Todes nicht ruhen wolle, als bis er Alles, so gut er es immer möglich finde, in Ordnung gebracht habe.

Und er hielt's? rief hier der Alte hitzig.

Mit der pünctlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend, in jenem haus der Trauer unter den verdriesslichsten Geschäften zu, verglich Bücher, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein lieber Vater, ihn auf Bällen, oder in Concertsäälen, oder an Spieltischen glaubten. –

Es wäre besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnötigen Zusatz unterdrückt hätte; denn ohne dem Schwager damit zu nützen, tat er sich selbst damit Schaden. Er brachte sich um ein Fässchen Weins, oder um irgend ein andres Geschenk, das er sonst für seine angenehme Erzählung gewiss erhalten hätte.

Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist