Bruder eine leidenschaft aufgeben müssen, die den schönsten, edelsten Grund von der Welt hat? – Da sitzt er nun in seinem Käfig, der arme Narre! und hängt das Köpfchen. – – Hahahaha! Es ist doch ein närrisches Ding um's Verliebtsein. – Aber Geduld nur! Geduld! Er soll mir heraus, und soll mir ins Ehebette zur Lyk, oder ich will nicht das Leben haben.
Du unternimmst da viel, sagte der Doctor. Wie willst du deinen Vater gewinnen? – Was Zureden bei ihm vermag, hast du erfahren; und dass du mit List ihn fangen solltest? – ich fürchte, er geht dir in keine Falle.
Gesteh nur: es ist doch ein kluger, ein ausserordentlich kluger Mann, mein Vater.
Der klügste, den ich in meinem Leben gekannt habe.
Sieh in mir seine Tochter! – – Sie setzte ihren Zeigefinger auf die Brust, und streckte ihre kleine Figur in die Höhe.
Ah! – sagte der Doctor, der sich verbeugte, und über ihr komisches Patos von Herzen lachte: alle Verehrung, Madam! Aber darf man denn dieses oder jenes von Ihrem Plane voraus wissen?
Sobald er da sein wird: ja! – Weisst du indessen, was vor allen Dingen zu tun ist, und was von Niemanden so gut getan werden kann, als von dir? – Bring dem Vater bessere Begriffe bei von dem Bruder! Erzähl' ihm sein Betragen gegen den seligen Lyk! Ich bin versichert, das wird ihm gefallen, recht sehr gefallen. – Auch das erzähl' ihm, wie edelmütig er sein Versprechen erfüllt, und wie treu er, ganze Monate lang, für die Witwe gearbeitet hat. Solche Züge, weiss ich, freuen den alten Mann in die Seele, und ein wildfremder Mensch, von dem er so etwas hört, wird auf der Stelle sein Blutsfreund. – Gewiss, er hätte das schon früher erfahren sollen.
Und würde' auch, so wie Ihr alle, wenn ich nicht dem Bruder hätte mein Wort geben müssen, zu schweigen. – Jetzt, sobald ich gelegenheit dazu finde – –
Willst du tun, was dein braves Weib dir aufgiebt. Nicht wahr?
Schuldigermassen.
Schön! – Und ich will Bekanntschaft mit unsrer Witwe machen; ehester Tage! Ich hab' es mit der Freundinn von ihr schon eingeleitet. Ich bin ganz neugierig auf sie. – Da sind auch die beiden Kleinen von ihr, die hier täglich vorbei in die Schule müssen: ein paar Engel von Kindern! Morgen ruf' ich sie mir herein, und da will ich sie herzen und lieb haben, als ob's meine eigenen wären.
XVI.
Die gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfüllen, fand sich für den Doctor gar bald. – Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nächste mal zu ihm hineintrat: wie stehts? – Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen.
Anstalten, lieber Vater? Wozu?
Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch Fieber? – Ein ihn: eigenes flüchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen schien anzudeuten, dass er die Krankheit des Sohns eben nicht für die ernstafteste halte.
Es steht, wie es steht: sagte der Doctor, der diese gelegenheit, für den Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten Posttag abgefertiget hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wusste er, war das Herz des Alten für Eindrücke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen: denn die Gegenwart, die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in die Vergangenheit pflegte er immer mit grosser Gemütsruhe zurück, so wie in die Zukunft mit froher Hoffnung vorwärts, zu blicken.
Sie reden ja ganz bedenklich, erwiderte er dem Doctor. Es wird doch nichts Schleichendes werden? – Da mögt' es mit der vorhabenden Reise noch langen Anstand haben. – Er lächelte wieder.
Bis jetzt ist es Flussfieber, sonst nichts. – Dass sich etwas Schlimmers dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der Fälle.
Aber es lässt sich doch vorbauen? Nicht?
Allerdings. – Auch wüsst' ich nicht leicht, für welchen Kranken, wenn es zum Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen würde, als für den Bruder. Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm verkenne, so weiss ich doch, dass er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu unsern edelsten jungen Bürgern gehört.
Das klingt gar schön; in der Tat! Und am schönsten wohl in dem Ohre eines Vaters.
Sie haben mich fast abgeschreckt, über den Bruder mit Ihnen zu reden. – Wie das? – Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn Sie mir Beweise davon zu erzählen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich will hören! – Leider! würden solche Dinge für mich nur zu sehr den Reiz der Neuheit haben.
Und woher wollten Sie auch, dass sie Ihnen bekannt sein sollten? – Ihr Sohn ist mit dem Guten, das er getan hat, nie laut geworden.
Das klingt ja immer noch schöner.