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ein noch artigerer Mannihr von einem bösen Fieber geholfen hatte, und die nachher – –

Das verdiente einen Kuss, der gegeben ward, und der Doctor flog fort.

Er fand die Witwe freilich nicht wohl; aber so krank denn doch nicht, als die gute Freundinn, und dann weiter die Frau doctorin, es gemacht hatten. Sie gestand, nach einigem Kampf mit sich selbst, dass der Hauptgrund ihres Übelbefindens in einer Unruhe des Herzens liege. Der Doctor horchte mit beiden Ohren: denn er glaubte schon den ausserordentlichen Fall vor sich zu haben, dass ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudre; aber als das geheimnis an den Tag kam, war es weiter nichts, als ihr verhältnis mit dem gedachten Gläubiger. Der Doctor war Hausarzt dieses Mannes, und hatte ihm und seiner Familie grosse Dienste geleistet: die Witwe gründete hierauf die Hoffnung, dass ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige Wochen bewirken könnte; und sie beschwur ihn um dieses Wort, als um eine Freundschaft, die ihre Genesung mehr, als alle Arzeneimittel, befördern würde. Ihre Lage, sagte sie, sei die dringendste von der Welt, aber nichts weniger als verzweifelt: sie sei im stand, wenn man ihr Zeit lasse, alle ihre Schulden bis auf den letzten heller zu tilgen; und sie berufe sich deswegen auf das zeugnis seines Schwagers, des Herrn Starkwenn er anders noch hier sei. –

Das Eigne in der Modulation der stimme, womit sie diese letzten Worte aussprach, zusammengenommen mit einem kleinen übelverhehlten Seufzer, und mit dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen, schien dem Doctor eine Indication zu geben, die er sich nicht dürfe entschlüpfen lassen.

Ich bin zu Ihrem Befehl, sagte er, liebe Freundinn; aber ich bitte Sie zu erwägen; dass die Summe die Sie mir angeben, von keinem Belang, und dass der Mann mit dem wir zu tun haben, von rauher, unfreundlicher Art ist. So wenig ich zweifle, meinen Antrag bei ihm durchzusetzen; so könnte er doch leicht sich herausnehmen, bei dieser gelegenheit Dinge zu sagen, die mir wehe tun würden. – Warum denn auch einen rauhen, beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen, wenn ein gerader, gebahnter Weg offen da liegt?

Welcher? seufzte die Witwe.

Sie nannten vorhin einen Freund, dem jede gelegenheit, Ihnen gefällig zu werden, das grösste Vergnügen erweckt. Ich bürge Ihnen für seine Gesinnungen gegen Sie.

Dieser Freund – –

Gönnen Sie ihm doch das Glück, Madam, Ihnen dienen zu können!

Das Glück? – Aber wenn's denn ein Glück ist; so gestehn Sie: er hat es nur zu reichlich genossen. – Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten. Ich kann sie ewig nicht tilgen. – Und will er jetzt nicht fort, dieser Freund? Will er uns nicht verlassen? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung haben? – Ihre stimme schwankte, und sie schien in ausserordentlicher Bewegung.

Es mangelt ihm nicht, Madam; ganz gewiss nicht! – geben Sie ihm die Freude mit auf den Weg, Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben! Lassen Sie mich hin, ihm es vorzutragen! Es ist in wenig Augenblikken geschehen. – Er stand auf, und machte Miene sich zu entfernen.

Nein! Nein! – war Alles, was die Witwe hervorbringen konnte. Sie hatte die Hand des Doctors, um ihn zurückzuhalten, mit einer ihr ungewöhnlichen Hitze ergriffen. Er fühlte das Brennen und Zittern der ihrigen, und bat sie, ihrer schwachen Gesundheit zu schonen. – Ich rede dann, weil Sie's so wollen, mit Ihrem Gläubiger, und ich halte die Sache mit ihm für so gut als berichtigt. Werden Sie ruhiger, liebe Freundinn! – –

Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug, um bei seiner Zuhausekunft seiner Frau zu sagen, dass sie wohl schwerlich geirrt haben mögte. – Aber, setzte er hinzu, wie in aller Welt soll das werden? Wo soll das hinaus?

Du fragst? – Wenn sie wirklich so liebenswürdig und sanft und gut ist, wie du sie mir immer gerühmt hast – –

Das ist sie wahrlich! wahrlich!

Nun so lässt man den dritten Mann kommen, den Priester. Der weiss Mittel für solche Übel.

Mir wär's recht; in der Tat! Ich nennte die gute Frau mit Vergnügen Schwester. – Aber ich gestehe dir: dass ich zittre, wenn ich an deinen Vater denke.

O, der wunderliche, alteliebe, böse Mann der, der Vater! – Ich bin so erbittert auf ihn; ich mögt' ihn gleich – – ja, was mögt' ich, ich Närrinn? – – Aber je lieber ich ihn habe, desto abscheulicher war's, mich so herumzuführen, so zum Besten zu haben. – Ich vergess' ihm das nicht; nimmermehr! Ich spiel' ihm irgend einen Gegenstreich, und einen recht argen. – Wart! Eben mit der Lyk muss ich ihm einen spielen. – Wie? Soll denn darum, weil er sich gegen die arme Frau eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat – –

Und eine falsche. Denn nicht sie hatte Hang zur Verschwendung, sondern der Mann.

Nun ja! – Und soll denn darum die arme Frau ein so schönes Glück nicht machen, das sich ihr anbeut? Soll darum der