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's denn doch, dass ich bei der Gelegenhei dahinter gekommen, wie ein kritischer Tumult muss behandelt werden. Ich hätte da einen erzeinfältigen Streich können machen.

Wie so? fragte der Doctor.

Ich hätte mich können verführen lassen, mitten in einer Krisis die Cur zu versuchen.

Sie? fragte der Doctor noch einmal.

Der Alte schwieg; aber ein bedeutender, lächelnder blick den er nicht sowohl auf den Sohn, als nach der Seite hinwarf wo dieser sass, liess den drei Verbündeten keinen Zweifel, dass er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes ziele: nur, wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke, das blieb ein Rätsel. Nach Tische riet man und riet; aber mit allem Raten ward die Neugier mehr gespannt als befriedigt. Endlich tat die doctorin, die gewissermassen das Orakel der Familie war, und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen gewonnen hatte, den wirklich nicht üblen Vorschlag, dass man sich füritzt den Kopf nicht weiter zerbrechen, sondern die eigne Erklärung, die der Vater durch sein Betragen geben würde, ruhig abwarten solle: ein Vorschlag, den Mutter und Mann höchlich billigten; denn dass diese Erklärung völlig befriedigend und völlig zuverlässig sein müsste, sprang in die Augen.

XII.

Herr Stark, der Sohn, war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf's Einpacken fertig; er war nur noch unschlüssig, wie er Abschied nehmen solle. Heimlich sich aus dem väterlichen haus wegzuschleichen, in welchem er kein anderes Andenken, als an geleistete gute Dienste, zurückzulassen sich bewusst war, fiel ihm nicht ein; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf, eh' er ginge, seinem Vater für die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zärtlich zu danken. Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht, die dem Alten gleich sehr die Festigkeit und Unabänderlichkeit seines Entschlusses, als die rechtschaffnen, kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte, den er so harterzig aus seinem haus stiesse. Die Ausdrücke, womit er besonders den letzten Zweck zu erreichen hoffte, waren die gewähltesten, die er hatte finden können; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Tränen entflossen, die insoferne wahre Freudentränen waren, als sie ihm für unverkennbare Beweise des vortrefflichsten Herzens galten. Indessen ward, schon bei dieser Vorbereitung, dem jungen mann immer bänger und ängstlicher, je lebhafter in seiner Einbildung die Züge des ehrwürdigen väterlichen Gesichts hervortraten; und als er sich endlich zusammennahm, um wirklich sein Wort an den Mann zu bringen, so geriet dies so äusserst übel, dass der Alte keinen geringen Schreck davon hatte.

Die ersten Worte der Anrede: "Mein lieber" – kamen so ziemlich heraus, und ein Mann von etwas schärferm Gehör, als Herr Stark, mögte sie haben verstehen können; dann aber geriet der Redner plötzlich in so ein Stottern, Zittern und Erblassen, dass der Alte, der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen Verdacht hatte, mit grosser Beängstigung auffuhr, dem Sohne kräftigst unter die arme griff, und durch sein Rufen um hülfe das ganze Haus auf die Beine brachte. Das eigne Zittern, das bei dieser gelegenheit den Alten befiel, die Eile und Sorgfalt, womit er selbst einige dienliche Arzeneien, mit Allem was zum Einnehmen nötig war, herbeischaffte, und die unablässigen liebreichen fragen: wie dem Sohne jetzt sei? und wie der Zufall ihn angewandelt? machten es diesem, der nicht wenig dadurch gerührt ward, unmöglich, von dem eigentlichen grund der Sache nur Ein Wort zu erwähnen. Lieber bestätigte er den Alten in der Voraussetzung, dass eine Lieblingsspeise, wovon des Mittags zu reichlich genossen worden, an dem ganzen, übrigens unbedeutenden, Zufalle Schuld sei, und liess sich eine lange, nachdrückliche Ermahnungsrede gefallen, deren Inhalt das Lob der Mässigkeit war.

Da er wohl sah, dass es mit dem mündlichen Vortrage durchaus nicht gehen würde, so entschloss er sich nun zu schreiben, und eh' er in den Wagen stiege, den Brief an Monsieur Schlicht, einen alten invaliden Handlungsdiener, zu geben; der, nach geschwächtem Gesicht und Gedächtniss, in dem haus des Herrn Stark eine Art von Haushofmeister vorstellte, sich zu allerhand kleinen Geschäften willigst gebrauchen liess, und, trotz seines wunderlichen Wesens, das Vertrauen der Eltern, aber noch mehr der Kinder, in hohem Grade besass. –

Ein andrer peinlicher Abschied, den Herr Stark unmöglich anders als persönlich nehmen konnte, weil ein schriftlicher nach dem bisherigen engen verhältnis, allzukalt würde geschienen haben, war der von der Witwe.

Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage. Ein harter, ungestümer Gläubiger, der an das Lykische Haus eine zwar nur unbeträchtliche Forderung hatte, bestand durchaus auf Befriedigung; aber die Casse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet, um auch noch diese leisten zu können. Die Witwe wusste, dass, wenn alle aussenstehenden sichern Schulden eingegangen und dadurch die fremden Forderungen völlig getilgt wären, ihr nur wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen übrig bliebe; sie wusste, dass auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen, und zu dem Elende der Armut noch die Schande eines öffentlichen Bruchs hinzukommen würde, wenn das Beispiel von nur Einem Gläubiger alle übrigen ermunterte, ohne Zeitverlust auf sie einzubrechen. Der natürlichste Weg, aus dieser Verlegenheit herauszukommen, war der, sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden; auch konnte' es kein Hinderniss für sie sein